Bei Licht besehen
Der Zirkus ist voller Menschen. Gespannt warten alle auf den Beginn des Programms. Die Manege ist noch dunkel. Ein Scheinwerfer leuchtet auf und wirft einen kleinen Lichtkreis in das Rund der Manege. Oleg Popow, der berühmte Clown, kommt aus dem Dunkel. Er watschelt in viel zu großen Schuhen, trägt einen viel zu weiten Mantel und hält einen kleinen Koffer in der Hand. Der Clown geht auf den Lichtkreis zu, lässt sich in ihm nieder und räkelt sich wohlig im Licht. Das Licht aber wandert weiter, und der Clown sitzt im Dunkel. Er nimmt sein Köfferchen und läuft dem Licht nach. Wieder streckt er sich darin aus, als sei es die wärmende Sonne. Und wieder eilt das Licht an eine andere Stelle der Manege, der Clown hinterher. Nun legt er sich mit seinem ganzen Körper auf das Licht und versucht es festzuhalten. Aber wieder geht das Licht weiter, Oleg Popow ist wieder im Dunkeln. Schließlich läuft er dem Lichtfleck noch einmal nach und beginnt das Licht in seinen kleinen Koffer einzufangen. Offenbar gelingt es ihm, denn nun ist die Manege ganz dunkel. Da öffnet er seinen Koffer und schüttet das Licht mit weiten Bewegungen in das große Zirkuszelt. Es wird taghell unter dem Zeltdach. Die Zuschauer, die den Clown gespannt beobachten, atmen hörbar auf und klatschen begeistert Beifall. Eine seltsame Mischung von Heiterkeit und Nachdenklichkeit hat sie erfasst. Und nun beginnt das große Programm des Abends.
Oleg Popow, ein Mensch auf der Suche nach Licht, nach Wärme und Geborgenheit. Nicht nur ein großartiger Einfall dieses geistvollen Künstlers, sondern eine symbolische Geschichte, die uns sehr nahe gehen kann.
Wir Menschen suchen das Licht für unser Leben. Wir suchen Wegweisung, Wärme und Geborgenheit. Aber immer wieder läuft es von uns fort. Kaum haben wir uns in irgendeinem der vielen Lichter niedergelassen, sitzen wir schon wieder im Dunkel. So kann das ganze Leben eines Menschen zu einer irrlichternden Suche nach dem Licht werden. Irgendwo muss es doch das Licht geben, an dem wir uns orientieren können und das unser Denken und Fühlen hell macht.
Jesus sagt: "Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis." Hier ist nicht von einem der vielen Lichter die Rede, die uns auf dem großen Markt der geistigen und religiösen Lampen und Scheinwerfer angeboten werden. Auch nicht vom Neonlicht der Reklame für tausend Sachen, die wir angeblich unbedingt brauchen. Wenn Christus sagt: "Ich bin das Licht", dann meint er sich selbst als das Licht für alle Menschen und Völker. Nicht im Sinne eines "Absolutheitsanspruchs des Christentums" ‑ diese schlimme imperialistische Formel ‑, sondern als das absolute Angebot seiner Menschen liebenden Hingabe für uns. Hier wird keiner durch ein grelles Licht geblendet, aber jeder verlockt. "Wer mir nachfolgt", sagt Jesus, "wird nicht im Dunkel bleiben." Wer Jesus näher kennen lernt, wird bald merken, dass er ihn mit seinem Licht auf einen Weg der Freiheit führt.
Aber dieses Licht sollen wir nicht für uns behalten. Wer es in sein frommes Herz einsperrt, wird es wieder verlieren. Wir sollen es in unserer Umgebung ausschütten, damit es heller wird in unserer Alltagswelt und auch unsere Mitmenschen neuen Lebensmut bekommen. "Ihr seid das Licht der Welt", hat Jesus in der Bergpredigt hinzugefügt. "So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.“
Johannes Hansen 
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