Verstand
Jesus sah, dass er mit Verständnis geantwortet hatte, und sagte zu ihm: „Du bist nicht fern vom Reich Gottes“. Und keiner wagte mehr, Jesus eine Frage zu stellen.
Markus 12,34
Ist das wirklich ein Geschwür, eine lebensfeindliche Krankheit: die Wucherung der Gedanken? Ich weiß schon, Herz ist Trumpf. Auch die Intellektuellen wollen den Himmel fühlen, suchen religiöse Streicheleinheiten, Wärmezonen, Glauben als Schlafsack. Und da sie wirklich frieren, habe ich keinen Anlass, ihr Bedürfnis zu verspotten. Wie kommt es, dass mir warm ums Herz wird, wenn ich nachdenke über Gott und Welt? Selten entdecke ich Neues, doch niemals handelt es sich um die reine Wiederholung. Ich liebe Spaziergänge, den gewöhnlichen Weg. Mein allzeit flüchtiger Glaube. Nachdenklich hole ich ihn ein. Verständnis setzt Verstand voraus. Jesus liebte die Verständigen.
Nie hat es mich sonderlich gelockt, dumm zu werden oder hohl, auch wenn manche behaupten, man müsse sein Denken aufgeben und ganz leer werden, damit Gott so einziehen könne. Falls der Höchste allen Ernstes an einem solchen Einzug interessiert sein sollte, findet er bei mir eine möblierte Wohnung vor, keine nackte Zelle. Vieles, was sich als religiöser Eifer und geradlinige Glaubensunterweisung ausgibt, als Frömmigkeit und herzliches Gottvertrauen, ist nicht anderes als Ungeduld im Blick auf andere, die im langsamen Nachdenken unterwegs öfter innehalten und Fragen stellen. „Einfach rennen, retten, flüchten. Jetzt. Sofort. Wegfahren ins Ungezielte. Abhauen. Der Impuls peitscht hoch, bringt auf die Beine, doch neunhundert Gramm graue Masse unterm nicht aufklappbaren Schädeldeckel erweisen sich als zu großes Gewicht, das jeden Schritt verlangsamt und zögernd werden lässt“ (Günter Kunert).
Michl Graff 
|
© Nachdruck und Veröffentlichung nicht gestattet. Nur zum persönlichen Gebrauch. gott.net e. V., Am Denkmal 2, 48249 Dülmen Tel.: 02590-915 810
E-Mail: info@gott.net, Internet: www.gott.net Spendenkonto: Nr. 88080 bei der KD-Bank Dortmund (BLZ 350 601 90). |