Der große
Versöhnungstag
3. Mose 16
Der fortwährende Ungehorsam und der sich ständig wiederholende Bruch des Bundes durch Israel wirft schon bald die Frage auf, wie die Schuld des Volkes vergeben und der Bruch geheilt werden kann. Es entsteht in Israel ein umfänglicher Opferkult, der letztlich Christus nur das eine Ziel verfolgt, nämlich das Volk von seiner Schuld zu „entsühnen“ und die gestörte Bundesbeziehung wieder herzustellen. Alle diese Bemühungen um „Entsühnung“ gipfeln in der feierlichen Liturgie des großen Versöhnungstages, zu dem das ganze Volk sich unter Führung des Hohenpriesters - in unserem Text ist es noch Aaron - am Heiligtum versammelt.
Bis heute feiert Israel diesen Tag als Jom Kippur, der zugleich den Anschluss einer mit dem jüdischen Neujahrstag – Rosch-ha-Schana - beginnenden zehntägigen Bußzeit ist und von den gläubigen Juden als strenger Fastentag begangen wird. Auf uns wirkt die komplizierte und langwierige Liturgie des Versöhnungstages nach 3. Mose 16 ausgesprochen befremdend. Aber die Häufung der verschiedenen Sühnehandlungen zeigt nur, wie ernst Israel seine Schuld vor Gott nimmt und welche zentrale Bedeutung der Sühnegedanke dabei gewinnt. Viermal vollzieht der Hohepriester für sich und die Priesterschaft (Verse 6.11.17.24), dreimal für die Gemeinde (Verse 10.17.24) und einmal für das Heiligtum (Vers 20) einen Sühneakt, bei dem der Blutritus eine wichtige Rolle spielt. Um schließlich ganz sicher zu gehen, dass die Schuld getilgt ist, wird alle Sünde des Volkes feierlich auf einen Schafbock gelegt. Dieser wird nun in die Wüste gejagt, um so die Missetaten der Menschen weit wegzutragen (Verse 21ff). Unser Reden vom Sündenbock hat demnach eine biblische Wurzel. Und dass bis heute für Schuld und Verfehlungen Sündenböcke gesucht und gefunden werden, zeigt nur: Selbst die Menschen unserer Tage entwickeln ihre weltlichen Liturgien, um Schuld und schlechtes Gewissen loszuwerden. Dabei ist es gar nicht mehr nötig, nach immer neuen Sündenböcken Ausschau zu halten. Denn einer hat sich freiwillig dazu bereit erklärt, die Schuld aller Menschen ein für allemal weg zu nehmen und Gott und Menschen wieder miteinander zu versöhnen. Das ist Jesus Christus, „der sich selbst als ein Opfer ohne Fehl ... dargebracht hat.“ (Hebräer 9,14)
Klaus Jürgen Diehl

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