Die schlimmen Hirten und der gute Hirte
Hesekiel 34
Zweifellos gehört Hesekiel 34 zu den großartigsten Weissagungen dieses Exil-Propheten. Dabei beginnt das Kapitel zunächst mit einem anklagenden Weheruf: Die Hirten Israels, d.h. die führenden Männer im Volk, haben auf sträfliche Weise ihre Vormachtstellung missbraucht. Dass es zu der schlimmen Katastrophe der Zerstreuung der Herde kam und sie zum Fraß für alle wilden Tiere (Vers 8) wurde, ist darum zuallererst die Schuld der schlimmen Hirten Israels gewesen.
Doch dann folgt auf dieses schneidende „Wehe!“ unverhofft eine zärtliche Liebeserklärung, die mit zu den schönsten Texten im ganzen Alten Testament gehört. Gott selbst will sich als Hirte seines geschlagenen Volkes annehmen. Er will sich um die Herde kümmern, sie umsorgen. Schon hier kündigt sich an, was einige Jahrzehnte später Botschaft des zweiten Teils des Jesajabuches (Jesaja 40ff) bestimmen wird: Gott wird die Zerstreuten und Verbannten sammeln und sie wieder zurück in die Heimat bringen, wo sie gut leben werden.
Aber der Blick geht noch weiter nach vorne: Ich will ihnen einen einzigen Hirten erwecken, der sie weiden soll, nämlich meinen Knecht David. Der wird sie weiden und soll ihr Hirte sein, heißt es in Vers 23. Gottes Heilsplan geht weit über die Wiederherstellung alter Zustände hinaus. Er kündet das Kommen seines Knechtes David an, durch den ein neuer Friedensbund geschlossen wird. In diesem Bund wird selbst die bisher noch friedlose Natur eingeschlossen sein. Israel aber wird in sicheren Grenzen wohnen und seinen Wohlstand genießen können.
Manche Aspekte dieser kommenden Heilszeit legen die Vermutung nahe, dass der Knecht Davids eine politische Heilsgestalt sein werde. So haben es später viele Zeitgenossen Jesus gesehen, und selbst seine engsten Anhänger haben ihn so missverstanden. Indem Jesus diese Weissagung aber auf sich bezieht – vgl. Joh. 10,11: Ich bin der gute Hirte! – macht er deutlich: Nicht durch Ausübung äußerer Macht und Gewalt werden die zerstreuten Schafe Israels gesammelt und zur Weide geführt, sondern durch hingebungsvolle, opferbereite Liebe: Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.
Klaus Jürgen Diehl 
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