Israel nach dem Zusammenbruch: Im Exil
Mit der Eroberung und Zerstörung Jerusalems im Jahr 587 v. Chr. durch die Babylonier unter ihrem Herrscher Nebukadnezar verliert das Südreich Juda, das sich noch etwa 140 Jahre länger als das Nordreich Israel behaupten konnte, endgültig seine staatliche Souveränität. Juda wird zur babylonischen Provinz und damit einem Gouverneur unterstellt. Weite Teile des Volkes, insbesondere die Oberschicht, werden ins babylonische Exil verschleppt. Das einst von Gott auserwählte Volk ist am Tiefpunkt seiner Geschichte angekommen. Wird es noch eine Zukunft haben – jetzt, wo der Tempel in Jerusalem in Schutt und Asche liegt und der jüngste Nachkomme Davids, Jojachim, als persönlicher Gefangener Nebukadnezars in einem babylonischen Kerkerloch schmachtet? Ja, und auch diese Frage bewegt die geschlagenen Israeliten: Wird es für ihren Gott – wird es für JAHWE, der sich bisher im Auf und Ab der Geschichte Israels als souverän und geschichtsmächtig gezeigt hat – wird es für ihn noch eine Zukunft geben? Oder wird Marduk, der Gott Babylons, nun auch über den Gott Israels triumphieren, so wie die politischen Herrscher über das Volk Israel und seinen König? Die Pracht Babylons mit seinen beeindruckenden Gebäuden und Tempeln verschlägt den verbannten Israeliten geradezu die Sprache.
Wie es um die Stimmung der Geschlagenen bestellt ist, gibt auf ergreifende Weise der 137. Psalm wieder: An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten (Psalm 137,1). Die Sehnsucht nach der Rückkehr in die Heimat wollen sie nicht begraben. Und sie sollte schneller in Erfüllung gehen, als sie zu hoffen wagten. Denn die Herrschaft der Babylonier steht auf tönernen Füßen und hat nicht lange Bestand. Wie schon Jeremia es voraussah, wird Babel schon kurze Zeit später von Bergvölkern im Norden und Osten überwältigt. 539 v. Chr. ist es schließlich der Perser Cyrus, der als Rivale Babylons in einem beispiellosen Siegeszug die Herrschaft an sich reißt. Persien steigt damit zur vorherrschenden Macht im Nahen Osten auf.
Für Israel sollte sich die neue Machtkonstellation schon bald als glücklich herausstellen. Denn der neue König praktiziert eine Politik des Friedens. Er gestattet den im Exil lebenden Juden großmütig, in ihre Heimat zurückzukehren und den Jerusalemer Tempel wieder aufzubauen. Doch was wie eine glückliche geschichtliche Fügung anmutet, ist bereits Jahre zuvor den Verbannten durch den Mund eines Propheten angekündigt worden, dessen Botschaft wir im Jesajabuch finden.
Klaus Jürgen Diehl 
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