Unbenanntes Dokument


Vom Verstummen
der Prophetie
bis zur Apokalyptik

 

 

Mit Maleachi ist die Prophetie in Israel verstummt. Wir sahen, wie schon Maleachi als nachexilischer Prophet Mühe hatte, gegen die religiö­se Skepsis seiner Zeitgenossen vom Eingreifen Gottes in die Geschichte zu reden. Offensichtlich sind mit dem Verstummen der Prophetie Erwar­tungen erloschen, die sich auf ein künftiges Handeln Gottes in der Ge­schichte richten. Nachdem Israel unwiederbringlich seine staatliche Selbständigkeit verloren hatte und Vasall wechselnder Mächte geworden war, glaubte die nachexilische jüdische Gemeinde je länger je weniger an das wunderbare Handeln Gottes in seiner Geschichte. Das religiöse Leben mündete ein in den Dienst eines allein am Gesetz orientierten Kultes. Wussten sich die Propheten noch in einen Geschichtszusammenhang mit weiten Perspektiven nach rückwärts und nach vorwärts gestellt, so schrumpften diese Perspektiven in der nachexilischen Zeit immer mehr zusammen.

 

Doch hat Israel auch nach dem Verstummen der Prophetie mit seinen heilsgeschichtlichen Durchblicken nicht aufgehört, in die Zukunft zu schauen: An die Stelle der Prophetie trat die Apokalyptik (Apokalypse = Enthüllung). Charakteristisch für die Apokalyptik ist ihr Dualismus, die scharfe Unterscheidung von zwei Äonen (= Zeitaltern), dem jetzigen und dem kommenden. Die Apokalyptik hat eine einheitliche Schau der gesamten Weltgeschichte – und diese Schau ist extrem deterministisch, d.h. schon von Anbeginn an liegt der Ablauf der Weltgeschichte unwan­delbar fest.

 

Während die Propheten mit ihrer Botschaft auf ein kommendes Ereignis weisen und damit rechnen, dass – etwa durch die Umkehr Israels – Gott sein Handeln ändern wird, entwerfen die Apokalyptiker ein unwiderruflich feststehendes Gesamtbild der Zukunft. An diesem Bild ändert sich nichts. Es kommt nur darauf an, dass den von Gott Erwählten diese verborgenen Zukunftsbilder enthüllt werden. Und das wiederum ist die Aufgabe der Apokalyptiker: Sie decken andern die bisher noch ver­hüllte Zukunft auf. Dabei sind sie selbst darauf angewiesen, dass ihnen ein Engel die häufig in Träumen und Visionen überlieferte Botschaft deu­tet und erklärt.

 

Es besteht kein Zweifel, dass Jesus und seine Jünger mit dieser spät-jüdischen Apokalyptik vertraut waren. Sie begegnet uns in den späten Texten des Alten Testaments wie z.B. dem Danielbuch. Wir werden sehen, wie im Neuen Testament charakteristische apokalyptische Traditionen aufgenommen und dabei entscheidend verändert werden.

 

 

Klaus Jürgen Diehl




© Nachdruck und Veröffentlichung nicht gestattet. Nur zum persönlichen Gebrauch.
gott.net e. V., Am Denkmal 2, 48249 Dülmen Tel.: 02590-915 810
E-Mail: info@gott.net, Internet: www.gott.net
Spendenkonto: Nr. 88080 bei der KD-Bank Dortmund (BLZ 350 601 90).