Ich schnapp nach Luft, ich schnapp nach dir
Vernimm, o Herr, mein lautes Rufen;
sei mir gnädig, und erhöre mich!
Du bist meine Hilfe. Verstoß mich nicht,
verlass mich nicht, du Gott meines Heiles!
Psalm 27,7.9
Wenn Gott einer ist, von dem ich nicht verlassen werden will, dann kenne ich erstens Gott und zweitens die Verlassenheit. Sie ist der erste große Schmerz, den wir kennen lernen, und wir schreien ihn hinaus, was so viele nur als Luftschnapper des Neugeborenen abtun. Andrerseits: wenn auch unser Schmerzschrei der Verlassenheit nichts anderes wäre als der Luftschnapper von Neugeborenen? Du Gott meines Heiles!
Nach Augenblicken beruhigender Nähe, gerade noch hast du die Hand gespürt, die Hand der Geliebten, die Hand des Pflegers, die Hand, die dein Zittern umfing, da löst sie sich, die Hand. Gerade noch umfangen, jetzt ausgestoßen. Gerade noch Bethlehem, Nazareth, der kleine drollige Jesus, der so hübsch Hebräisch lernt und dem Papi in der Werkstatt zur Hand geht, der so lieb lächeln kann und sich an Marias Rockzipfel hängt: schon hat er sich gelöst, siehst du, schon müssen wir ihn suchen, siehst du, schon hängt er am Kreuz, siehst du, hörst du, wie er schreit? Was hätten wir denn tun sollen!
Gottverlassen. Gestern noch waren wir daheim. Heute schon sind wir Ausgestoßene. Und morgen? Du Gott meines Heils, ich schnapp nach Luft, ich schnapp nach dir.
Michl Graff

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