Gekrochen wird viel auf Erden
Da sprach Gott, der Herr, zur Schlange: Weil du das getan hast, bist du verflucht unter allem Vieh und allen Tieren des Feldes. Auf dem Bauch sollst du kriechen und Staub fressen alle Tage deines Lebens.
Genesis/1. Mose 3,14
Gekrochen wird unfreiwillig. Gekrochen wird freiwillig. Gekrochen wird auch vor Gott. Manche halten das für eine besonders intensive Variante des Kniens. Gehadert wird dabei nur in den Bauch hinein. Man brummelt ein bisschen vor sich hin, doch den erhabenen Gott grüßt der gekrümmte Rücken. Und ebendies ist falsch. Schlangenfrömmigkeit.
Anders die Haltung der Knienden, beispielsweise in der großartigen »Knienden« von Wilhelm Lehmbruck (1911), die wieder nach Dresden zurückgekehrt ist. Knien ist Ausdruck, ist Gebärde, ist nichts Gebücktes, nichts Gekrümmtes, schon gar nichts Kriecherisches. Knien ist demütiger Stand vor Gott, erwartungsvoll, dem Boden nahe, aber nicht am Boden zerstört. Lasst uns die Kriechenden nicht verspotten. Aber helft ihnen wieder auf die Knie. Gebt ihnen ihre Würde zurück. Euch aber, die ihr herumsteht mit den Händen in den Hosentaschen, euch habe ich heute nichts zu sagen.
Michael Graff

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