Muss man eigentlich in die Kirche gehen?
Man muss keinesfalls in die Kirche fliegen, wie es jener junge Mann tat, dessen seltsamer Kirchbesuch vor einiger Zeit durch die Presse ging. Er war in der Nacht mit seinem Wagen unterwegs, kriegte die Kurve nicht mehr und raste über eine kleine Wiese, die eine Art Schanzentisch bildete. Der Wagen flog sieben Meter hoch und 35 Meter weit und krachte in das Dach einer Kirche, in dem der junge Mann samt PKW stecken blieb. Zufällig stand ein Polizeiwagen in der Nähe. So konnten die Beamten sofort tätig werden und die Rettung von Fahrer, Auto und Kirche einleiten. Der junge Mann wurde ins Krankenhaus gebracht und die Gemeinde betete im Gottesdienst für seine Genesung. Auch das stand in der Zeitung.
Doch nun unsere Frage noch einmal zu ebener Erde: Muss man wirklich in die Kirche gehen, wenn man ein Christ sein möchte bzw. werden möchte? Ich empfehle es mit aller gebotenen Freundlichkeit. Man muss es nicht tun, es ist weder eine staatlich geforderte Bürgerpflicht, noch eine moralische Leistung, durch die man sich bei Gott Respekt verschaffen kann. Letzteres wäre geradezu gefährlich, denn Gott mag es nicht, wenn man sich durch religiöse Leistungen in eine gute Beziehung zu ihm reinschmuggeln möchte.
Und warum ist es nun gut in den Gottesdienst zu gehen? Im Gottesdienst wird gesungen, gebetet, es werden Abschnitte der Bibel verlesen und es wird über einen Text aus der Bibel gepredigt. Man feiert Eucharistie und Abendmahl in der Stille vor Gott. Es ist gut, wenn ein Glaubender oder Suchender bewusst die Stille sucht und „die Wahrheit des Evangeliums“, wie Paulus sie nennt, in sich wirken lässt. „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ Dieses starke Wort hat Jesus gesagt.
Suchende und Glaubende erfahren in den angekündigten Veranstaltungen der Woche die Kommunität und die Solidarität des Glaubens. Und sie werden zu engagierten Leuten, die sich einbringen in die Aufgaben der Gemeinden. So wird für Christen die Gemeinde zu einem Haus des Glaubens. Was hier ganz sachlich aufgezählt ist, wird man nicht aus der Distanz erfahren, sondern gewiss nur durch Teilnahme.
Mark Twain besuchte einen Gottesdienst und wurde nach seinem Eindruck gefragt. Es sei gut gewesen, meinte er, es sei auch ein Korb mit Geld durch die Reihen gereicht worden, aus dem sich jeder etwas rausnehmen durfte. Um diesen Scherz umzumünzen: Wenn jemand in den Gottesdienst geht, darf er etwas mitnehmen. Viele gute Zusagen Gottes zum Beispiel. Am Sonntag ist wieder Gottesdienst. Versuchen sie es doch mal.
Johannes Hansen 
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