Weisheit
Wir erraten kaum, was auf der Erde vorgeht, und finden nur mit Mühe, was doch auf der Hand liegt; wer kann dann ergründen, was im Himmel ist? Wer hat je deinen Plan erkannt, wenn du ihm nicht Weisheit gegeben und deinen heiligen Geist aus der Höhe gesandt hast?
Weisheit 9,16-17
Der Kirchenmann zum Naturforscher: »Galilei, du sollst dich beruhigen!« Der Naturforscher zum Kirchenmann: »Sagredo, du sollst dich aufregen!« (Bertolt Brecht, Das Leben des Galilei).
Brechts Galilei will kein Märtyrer sein, sondern durch produktiven Zweifel der Wahrheit zum Durchbruch verhelfen. Die Aufregungen bei den Dogmenwächtern sind beträchtlich. Der Inquisitor zittert. Neues kommt in Betracht. Die Schöpfung entbirgt dem forschenden Auge immer neue Geheimnisse. Nicht die Frechheit des Forschers, sondern die Güte des heiligen Geistes ist Grund solcher Offenbarungen. Immerhin gilt die Wissenschaft als eine seiner sieben Gaben.
Wie viel Sorgfalt (und wie viele Kontroversen!) haben wir in den letzten Jahrzehnten in das rechte Verständnis der Bibel investiert. Und siehe, ganz eng sind wissenschaftlicher Befund und gläubige Antwort miteinander verschwistert, zumal wenn sie sich streiten. Wer aber liest im Buch der Schöpfung, wer entziffert, wer übersetzt? Es gibt sie, die Geistlichen der Erdkruste, die Exegeten des Kosmos, die Priester und Propheten der Materie. Doch während ihnen Tag für Tag Gottes Geist eine neue Seite im Buch der Schöpfung aufschlägt, diskutieren wir mit uns selbst.
Michael Graff

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