„Es ist vollbracht“.
Bald ist Ostern. Die Zeit, in der es zentral um Jesu Tod am Kreuz und seine Auferstehung geht. Ich verstehe, wenn ein Suchender geistig ratlos vor dem Kreuz Christi steht und nicht weiß, was dieses Kreuz bedeuten soll. Es liegt nicht an seiner mangelnden Klugheit, es hat mit dem Kreuz Jesu Christi selbst zu tun. Auch die Christen haben seit 2000 Jahren immer neu über „das Geheimnis des Kreuzes“ nachdenken müssen und viel Zeit und Gebet darin gesetzt. Und ihr Nachdenken darf nicht aufhören.
Mir hilft ein kleines Gleichnis, das jeder kennt: „Willst du einen hohen Berg von unten sehen lernen, musst du dir die Mühe machen, um ihn herum zu gehen. Bei diesem langen und mühsamen Weg siehst du immer neue Perspektiven des Berges. Nie siehst du das Ganze auf einmal und doch fügt sich das, was du entdeckst, in deinem Denken und Fühlen zusammen: Das ist der Berg.“
So ist es im Bilde gesprochen den frühen Zeugen des Kreuzestodes Christi ergangen. Es waren ganz verschiedene Menschen in unterschiedlichen Situationen. Auf dem Hintergrund der prophetischen Botschaft, etwa aus Jesaja 53, gingen sie in Anbetung und in tiefem Nachdenken „zum Kreuz“ und formulierten so ihr jeweiliges „Wort vom Kreuz“. Paulus ist einer von ihnen und was für einer. Der unbekannte Schreiber des Hebräerbriefs hat wieder ganz andere Schwerpunkte. Jedes der vier Evangelien setzt eigene Akzente bei der Passion Jesu, und das zuletzt verfasste Johannesevangelium tut das auf seine ihm eigene meditative Art.
Alle Zeugen hatten Menschen vor Augen, denen sie das befreiende Evangelium des Todes Jesu Christi am Kreuz nahe bringen wollten. In ihrer Zeit und ihrer Kultur. Sie selbst waren so voller Dankbarkeit, dass sie es nicht verschweigen konnten. Es ist töricht, wenn sich Christen darum streiten, welche Sicht nun richtiger ist und stets ihre eigene bevorzugen. Plötzlich behauptet ein moderner Kirchenmann, dass er die Vergebung nicht durch den stellvertretenden Tod des Heilandes empfängt, sondern nur durch die pure Liebe Gottes. Wie denn auch sonst? Doch was heißt bei ihm Liebe Gottes? Kann er die Liebe Gottes am Kreuz vorbei bekommen? Das funktioniert seit dem Kreuz Christi nicht. Das „Wort vom Kreuz“ ist so reich, dass hier keiner den anderen übertrumpfen muss. Aber Jesus Christus am Kreuz ist die Mitte von allem und alle Zeugen weisen auf ihn, aus welcher Perspektive auch immer. Paulus beschreibt es in juristischen Bildern, der Hebräerbrief wiederum in den Bildern der Opferpraxis Israels und deutet dabei alles auf das einmalige und unvergleichbare „Opfer Christi“ am Kreuz. Der Evangelist Johannes entfaltet es in einer großen Meditation, die in der Botschaft der Liebe Gottes gipfelt.
Im Johannesevangelium sagt Jesus direkt vor seinem Sterben: „Es ist vollbracht.“ Das ist nicht der Seufzer nach langem schwerem Leiden wie ein mitfühlender Theologe in einem angesehenen Andachtsbuch meinte - endlich ist es vorbei. Es ist keiner psychologischen Analyse zugänglich. Es handelt sich keinesfalls um ein Beispiel des Durchhaltens im Leid als Vorbild für alle Leidenden. So geriet das Kreuz in die Sprache der Kriege und an die Brust der Soldaten. Es geht nach meiner einfältigen und dankbaren Sicht um die große Erklärung Gottes, sozusagen um die „göttlich juristische“ Kundgabe: Das Wirken Jesu ist vollbracht, das er mit eigener Zustimmung im Auftrag des Vaters übernahm. Was in Johannes 3,16 in höchster Klarheit gesagt wurde, ist nun für mich und dich und alle geschehen: „So sehr hat Gott die Welt geliebt, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“
Das Kreuz Christi ist das hoch aufgerichtete Zeichen der vollendeten Liebe Gottes. Es war ein wirklicher Tod, keiner von den Passionsfestspielen in Oberammergau. Das „O Haupt voll Blut und Wunden“ hat es mit meiner Sünde zu tun und mit der der ganzen Weltgeschichte. Weil wir so tief gesunken waren in unserer Schuld, musste er so tief einsteigen in die Dunkelheit der Welt. Nein, nicht weil Gottes Sohn im Prozess mit Gott mit seinem Blut in Zahlung gehen sollte. Was Anselm von Canterbury sich da zusammengereimt hat, entsetzt nicht nur mich. Hier jedoch geschieht alles aus Liebe wie es der erste Johannesbrief bezeugt. „Darin besteht die Liebe (Gottes): nicht, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsere Sünden.“ (1. Johannes 4, 10)
So wie Jesus für seine Mörder und die johlende Menge betete: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun“, - so spricht mir Jesus Christus in der Macht seines Kreuzes die Vergebung der Sünden zu und führt mich zurück in die Arme Gottes. Nicht nur mich, alle sind gemeint. Und allen soll es gesagt werden. So beginnt für uns Menschen das Leben neu.
Johannes Hansen 
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