Julchen im Himmelreich
Einer hieß Schlonz. Man nannte ihn so, weil er groß war und weil es oft Kartoffelsalat gab. Verstanden? Nein? Gut so. Schlonz ist klassisch. Spitznamen sind Geheimcodes. Ich hieß früher einmal Festus. Nein, nicht wegen den Festen. Nicht wegen der Figur. Nicht wegen der Apostelgeschichte. Sondern wegen „rauchende Colts“. Hilfsscheriff = Hilfsbremser. Verstanden? Nein? Gut so.
Selig seid ihr, die ihr Spitznamen habt, originelle, geheimnisvolle, seltene, witzige Spitznamen. Nichts gegen Charlie oder Joe, nichts gegen Babsi und Geli. Aber Schlonz oder Ijaja: Selig seid ihr. Jesus hieß bei Mami und Papi in Nazareth auch nicht Jesus, woll’n wir wetten? Auch nicht Jesses, um Himmels willen. Auch nicht Messias. Wie dann? Wir wissen’s nicht.
Spitznamen sind Heimat. Spitznamen sind Clique, Spitznamen sind Skifahren und Schulklasse, sind Jahrgang und Dialekt, sind Launen und Macken, sind Profil und Neurose, sind Wärme und Witz. Ein Journalist erzählte mir, wie er seinen ehemaligen Klassenkameraden Julius Kardinal Döpfner bei einem Empfang getroffen habe. Döpfner nahm ihn zur Seite: „Du kannst noch Julchen sagen.“
Im Himmel wird es ähnlich zugehen. Dort ist nämlich auch unsere Heimat. Wir werden womöglich bei unserem liebsten Spitznamen aufgerufen, und es wird ein Lachen sein für Schlonz und Ijaja. Wir werden so gerufen, wie wir geliebt wurden, damals auf Erden. Unsere Titel und Anreden werden vergessen sein. Monsignore heißt Julchen. Und wer noch keinen Spitznamen hat? Der wird zum Apostel Thomas geschickt, den sie Zwilling nannten.
Michl Graff 
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