Unbenanntes Dokument

Der Spieler

 

 

Als er die Fundamente der Erde abmaß,

da war ich als geliebtes Kind bei ihm.

Ich war seine Freude Tag für Tag

und spielte vor ihm allezeit.

Ich spielte auf seinem Erdenrund,

und meine Freude war es, bei den Menschen zu sein.

Sprüche 8,30-31

 

 

 

Die Kinder: Komm, du bist der Räuber, ich der Gendarm, du Mutter, ich Vater, du Doktor, ich der mit dem Blinddarm. Wir spielen Leben, du bist es. Komm, wir spielen Gott und die Welt.

 

Wir, denen das Spielen vergangen ist, hören die Kinder lachen und glauben ihnen nicht. Ihr werdet auch noch vernünftig, sagen wir und zittern ein wenig, als fürchteten wir uns davor, recht zu haben. Da rief Jesus ein Kind herbei und stellte es in ihre Mitte. Spielen lernen, das Glaubens-Spiel. Jesus, der Therapeut, mutet dir allen Ernstes den Sandkasten zu: Mensch, ärgere dich nicht, überspringe ein paar Felder, gib den Ball ab, versteck dich und lass dich finden, geh mit mir in den Wald, hab keine Angst vor Dreck, wir spielen Leben, komm, ich bin's.

 

Immer noch misstrauisch betrete ich zögernd den Spielplatz. Einer kommt mir entgegen, nimmt mich an der Hand, reißt mich mit. Schon verrutscht die Krawatte, ich verliere den Hut, meine Rechtgläubigkeit kommt in Gefahr, mein Kapital. Beim Kopfstand purzeln die logischen Bestandteile meines Systems zu Boden, rollen herum, Klicker aus meinem Tiefkühlfach. Und ich lasse mich auffordern zum Tanz, falle aus dem Rahmen, komme lehmverschmiert heim, ja heim.

 

 

 

Michl Graff




© Nachdruck und Veröffentlichung nicht gestattet. Nur zum persönlichen Gebrauch.
gott.net e. V., Am Denkmal 2, 48249 Dülmen Tel.: 02590-915 810
E-Mail: info@gott.net, Internet: www.gott.net
Spendenkonto: Nr. 88080 bei der KD-Bank Dortmund (BLZ 350 601 90).