Glaube ist anspruchsvoll
Ich glaube, also bin ich. Stimmt dieser Satz eigentlich? Bin ich nicht viel mehr als das, was ich meine und glaube? Denken und glauben kann ich ja viel. Heute sehe ich eine Sache so und morgen anders. Aber ich selbst bin doch viel mehr, oder? Müsste der Satz nicht besser heißen: Ich bin, und dann glaube ich mal so und mal anders, oder wie?
Das können Sie so sagen. Aber hier geht es um etwas ganz anderes.
Wenn wir etwas denken, sagen oder tun, dann spielt ja nicht nur der Augenblick, wo das geschieht, eine Rolle, sondern wir bringen immer unser Ich mit.
Dieses Ich ist von Kindheit an geprägt und wird unentwegt weitergeprägt. Da ist das Elternhaus, die Sprache, die Umgangsform, die Kultur, die Kirche, die Religion, die Schule, die Lehrer, und da sind die tausend Begegnungen mit allen möglichen Menschen. So wurden wir geprägt und haben bestimmte Wertmuster, Einsichten und Verhaltensregeln mitbekommen. Sie bestimmen uns.
Um es persönlich zu sagen: Diese Prägungen haben mich gemacht, dass ich nun so denke, wie ich denke, so rede, wie ich rede, und so handele, wie ich handele. Ich habe mich mit diesen Prägungen eingelassen. Ich habe sie blind übernommen. Jetzt gehören sie zu mir. Sie machen mein Ich aus, mein Sein.
Ich bin also nicht nur das, was ich sage und tue, sondern das, was ich bin, das sage und tue ich! Ich mache mir meine Werturteile nicht, sondern die sind schon da, und ich setze sie guten Glaubens (!) ein.
Wenn ich in diesem Sinne von Glauben schreibe, dann meine ich nicht irgendwelche gedanklichen Beliebigkeiten, sondern eine existenzielle Betroffenheit, mit der ich mich eingelassen habe. Das, was ich glaube, das macht mich aus. Was mein Leben bestimmt und was ich von mir nicht lösen will, das glaube ich. Manche haben sich angewöhnt, über den Glauben nur noch geduckt und etwas verschämt zu reden. Das ist einfach falsch und rührt meines Erachtens daher, dass beim Glauben immer von unverständlichen religiösen Hintergründigkeiten geredet wird, von Dingen also, die letztlich mit dem Leben sowieso nichts zu tun haben. Darum ist auch die Sprache immer so unbeholfen und verschämt.
Die Sache des Glaubens aber ist eine ganz andere, und wir sollten sie auch so nehmen, wie sie ist, und nichts anderes daraus machen: Der Glaube ist dann Glaube, wenn er das menschliche Leben in seiner Tiefe und Mitte erreicht und bestimmt. Es sei bewusst geschehen oder unbewusst über uns gekommen, wie zum Beispiel in den genannten Prägungen des Lebens. Nur ‑ die Sache des Glaubens muss heraus aus der Beliebigkeit von netten, religiösen Gedanken über irgendwelche Götterchen, die nichts bewirken und mit denen sich kein gesunder Mensch abgibt. Wer vom Glauben redet, der redet von der größten, gefährlichsten und hinreissendsten Kraft, zu der wir Menschen fähig sind: Durch den Glauben können wir uns mit fremdesten Menschen verbinden, so dass wir mit ihnen und sie mit uns eins sind.
Denken wir an Freundschaften: Wenn ich einem Menschen meine Freundschaft anbiete, dann öffne ich mich ihm, und wenn er das auch tut, dann öffnet er sich mir. Damit bestimmt einer das Leben des anderen mit. Jeder ist bereit, sich vom anderen mitbestimmen zu lassen. So geschieht Freundschaft, und darin geschieht Glaube.
Genauso und noch intensiver ist das in der Liebe und in der Ehe: Wenn ich einer Frau meine Liebe gebe, und sie gibt ihre Liebe mir, dann einen wir uns und bestimmen einander; jeder öffnet sich und lässt sich vom anderen mitbestimmen, im Bereich von Leib, Seele und Geist. So geschieht Einheit. Wir glauben einander!
Deshalb können wir sagen: Ich glaube dir deine Freundschaft, ich bin nun auch dein Freund. Ich glaube dir deine Liebe, ich bin nun auch deine Liebe. Wir hören aufeinander, und darum gehören wir einander. Wir bestimmen einander und sind darum füreinander bestimmend. Das glauben wir, und das sind wir dann auch. Weil wir das sind, darum glauben wir uns.
Wie arm sind Menschen, die nicht vertrauen und glauben können. Sie können letztlich auch nicht lieben. Wie viele Menschen treffe ich, die reden und argumentieren, machen andere Leute schlecht und kritisieren Gott und die Welt, haben unentwegt recht; aber sie können nicht lieben und können niemandem mehr vertrauen. Wie kalt ist es um solche Menschen! Wie arm sind sie! Was müssen sie an Enttäuschungen durchgemacht haben, dass sie diese große Kraft nicht mehr einsetzen, nicht mehr lieben und vertrauen können?
Es ist ja auch nicht von ungefähr, dass der Sohn Gottes, Jesus von Nazareth, immer nur dann etwas Großes tun konnte, wenn ihm geglaubt wurde. Einmal konnte er zu einer Frau sagen: »Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst! Und ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde« (Matthäus 15,28).
Aber das andere wird auch berichtet: Jesus konnte nichts tun, weil man ihm nicht glaubte: »Und er wunderte sich über ihren Unglauben...« (Markus 6,6). Ob in diesem Zusammenhang auch das Wort »Kredit« neu verstanden wird? Es kommt von »credere«, und das heißt »glauben«!
Wir merken: Die Sache, die das Wort Glaube meint, ist anspruchsvoller, als manchem lieb ist. Wer dieses Wort anspruchslos gebrauchen will, der kann das ja tun, er muss nur wissen, was er da tut.
Wissen Sie, warum die Industrie und die Wirtschaftler, die Politiker und die Ärzte, die Pädagogen und die Erdölbohrer und überhaupt wir alle so mit dem Leben und der Schöpfung umgehen, wie wir es tun? Die Antwort ist einfach und erstaunlich zugleich: Jeder glaubt, dass er so mit sich, der Welt und den Menschen umgehen darf. Zum Beispiel glaubt ein Industrieller, das heißt, er nimmt ganz fest für sich in Anspruch, dass er mit den Rohstoffen und der Umwelt so umgehen darf, wie er es tut. Wer hat eigentlich den Eigentümer der Erde gefragt, ob er das überhaupt darf? Ein Industrieller antwortete mir einmal: »Ich habe noch nie diese Frage gestellt, ich habe guten Glaubens gehandelt!«
Oder denken Sie an die Lehrer: Wer hat uns eigentlich gesagt, ob und wie man junge Menschen in die Schulen schicken darf? Stimmt es eigentlich, dass diese Art von Schule und Pädagogik das Menschenleben entfaltet? Und wann immer wir mit Lehrern darüber reden, sagen sie das gleiche wie der Industrielle: »Wir erziehen die Kinder in gutem Glauben und bringen ihnen den Stoff bei, den wir vom Kultusministerium bekommen haben!«
Auch hier stimmt der Satz: Ich glaube, dass ich so Pädagoge sein darf, also bin ich es. Ich kenne Lehrer, die ihrer Pädagogik und ihrem Schulsystem so bedingungslos glauben, dass sie ihre besten Kräfte und Jahre in die Erziehung einbringen und junge Menschen nach diesem Bild prägen.
Woher nehmen Wirtschaftler das Recht, mit der Menschheit so umzugehen, als wäre die entscheidende Frage der Welt die nach dem Wirtschaftswachstum? Das glauben sie. Sie gehen fest davon aus und haben sich darauf eingelassen, dass das menschliche Glück in der Steigerung von Geld und Eigentum und ähnlichem liegt. Aber woher haben sie den Glauben? Wer hat ihnen gesagt, dass sich so das Leben der Menschen sinnvoll ereignet?
Woher nehmen die Kirchen das Recht, so mit den Menschen umzugehen, wie sie es tun? Wie kommen wir darauf, ausgerechnet junge Menschen mit dreizehn Jahren in den Konfirmandenunterricht zu bringen? Ausgerechnet in dieser unruhigsten und am wenigsten geistigen Entwicklungsphase? Was glauben wir eigentlich, was da geschieht und wozu das gut sein soll?
Ein Mann fuhr mit dem Motorrad durch die ärmsten Länder Westafrikas. Er erzählte mir, dass ihm etwas Seltsames widerfahren sei: Die Länder und Menschen Westafrikas seien wirklich arm, aber er habe noch nie so fröhliche Menschen gesehen wie dort. Und ein Priester habe ihm erzählt, die Selbstmordrate liege bei Null. Weiter berichtete er, dass außer an Tankstellen und offiziellen Instituten der Handel vom Geld abgekommen sei und man fast ganz mit Naturalien auskomme. Seine Schlussfolgerung war: »Natürlich kann und will ich als Europäer nicht so leben. Aber ich bin doch sehr, sehr nachdenklich geworden, ob das Leben nicht doch völlig anders gedacht war?!«
Woher haben wir eigentlich diese Weise des Umgangs mit der Welt? Was glauben wir da eigentlich? Welche Wertmuster und welcher Eroberungswille bestimmt uns?
Wenn wir unser Leben planen und unsere Arbeitsstationen durchgehen ‑ woher haben wir eigentlich die Maßstäbe? Was glauben wir, was wir mit unserem Leben machen können und machen dürfen? Wenn wir unsere Grundlagen und Grundwerte einmal kritisch anschauen würden, würden wir uns vielleicht sehr wundern, was uns da treibt.
Wollen und können wir das eigentlich alles so weiterleben und ausleben, oder können wir die Fragen an die Tiefe unseres Lebens noch stellen, um womöglich etwas Neues zu hören, zu glauben, zu denken und zu tun?
Vor Jahren traf ich einen Arzt. Er tat seine Pflicht, arbeitete gern und half, wo er konnte. Doch dann erzählte er mir, er habe sich die Frage gestellt, ob er das eigentlich alles so richtig mache. Denn er merkte, dass er zwar die Patienten behandelte, aber dass er sie gar nicht wahrnahm. Das sei ja auch nicht möglich, wenn man täglich mit so vielen Menschen zusammenkäme. Aber dann fragte er einen älteren Kollegen einmal: »Von woher lassen wir Ärzte uns eigentlich bestimmen? Von der Krankheit? Wollen wir immer nur, dass die Krankheit weggeht? Oder lassen wir uns von der Gesundheit, vom Leben bestimmen, so dass der Patient durch den Arzt zum Leben findet?«
Der ältere Kollege habe ihm geantwortet: »Sie müssen sich als Arzt natürlich immer auch um die Krankheit mühen. Sie müssen die Störung beseitigen, damit aus der Störung keine Zerstörung wird. Sollten Sie sich aber um das Leben und um die Gesundheit eines Menschen mühen wollen, dann müssen Sie grundsätzlich umdenken!«
Daraufhin habe, so berichtete mir dieser Arzt, in seinem Leben ein grundlegendes Umdenken stattgefunden, in das er selber als Person mit hineingenommen worden sei. Er glaubte den alten Vorentscheidungen nicht mehr, er lehnte es ab, nur noch so schnell wie möglich Krankheiten zu behandeln, Scheine einzuziehen und »bitte der Nächste« zu rufen. Gewiss, Krankheit musste er auch behandeln und beseitigen. Aber er traf eine neue Vorentscheidung: Er wollte dem Leben dienen und Menschen den Sinn, den Mut und die Einsicht zum Leben vermitteln.
Dafür änderte er sein eigenes Leben. Er studierte noch einmal Heilkunde, Psychologie und Theologie, passte seinen eigenen Lebensrhythmus dem Leben an und arbeitet nun zusammen mit Menschen, die aus der gleichen Vorentscheidung und mit den gleichen Zielen am Menschen arbeiten wollen. Die Patienten werden anders behandelt: Es wird gefragt, wie es wohl zu den Krankheiten gekommen ist, welche geistigen und seelischen Vorentscheidungen eine Rolle spielen usw. Die Gottesfrage wird keinem aufgedrängt, aber es wird darauf hingewiesen, dass im Leben eines Menschen die Fragen nach Tod und Leben, nach Liebe und Hoffnung, nach Vergebung und Geborgenheit eine enorme Rolle spielen.
Der Arzt sagte mir, er habe an dieser Klärung grundlegend etwas begriffen: Bei allen Lebensvollzügen müssen wir einmal fragen, was wir da stillschweigend als wahr angenommen, was wir geglaubt haben, als wir unsere Lebensführungen und Lebensentscheidungen trafen.
Dieses Gespräch weist genau auf die entscheidende Klärung hin, die Mr. Keating seinen Schülern zumuten wollte und als guter Pädagoge zumuten musste: Carpe diem! Nutze den Tag! Greif nach dem Leben und nicht nach dem, was andere Leute Leben nennen und was doch keines ist!
Dieser Arzt fragte nach dem Leben, er suchte es, fand es und griff zu. Er misstraute einer altgewohnten Weise und glaubte einer früheren Vorentscheidung nicht mehr. Er glaubte einer neuen Einsicht und setzte sie für sich und das Leben und für die ihm anvertrauten Menschen um.
Wir sind das, was wir glauben, womit wir uns in der Tiefe unseres Wesens eingelassen haben. Wer dem Leben glaubt, der lässt sich mit dem Leben ein. Und er wird denken, sagen und tun, was dem Leben gemäß ist.
Darum geht es in den folgenden Kapiteln.
Klaus Vollmer

|