Wie Glaube entstehen kann
Eine der schrecklichsten Entgleisungen im europäischen Abendland ist die Tatsache, dass Religion und Kirche zuerst und vor allem moralisch verstanden werden. Wer Kirche und Religion sagt, der steht schon mit beiden Beinen im moralischen Missverständnis. Immer wieder bekomme ich zu hören: »Wir haben keine Lust, uns immer anmachen zu lassen, was wir dürfen und was wir nicht dürfen!«, oder: »Die Pastoren und Christen sind doch auch nicht besser als wir, die sollen doch nicht so tun!« Wenn einer positiv vom Christentum spricht, kommen fast jedes Mal Worte wie: »Es ist gut, dass es noch Verantwortung und Nächstenliebe gibt!«, und: »Wir sollten uns an die Zehn Gebote und die Bergpredigt halten, dann wäre manches besser!«
Ich habe ja nichts gegen Anstand und Sitte; es gehört mit zu den großen Entwicklungen in Völkern und Kulturen, wenn die Freiheit und Würde eines Menschen geschützt und moralische Grundordnungen verlässlich eingehalten werden.
Aber das Geheimnis des christlichen Lebens ist eben nicht die Moral, nicht das Einhalten der Zehn Gebote oder das Beachten der Bergpredigt. Die Zehn Gebote machen den Christen nicht zum Christen, und wenn ich die Bergpredigt hätte einhalten sollen, dann wäre ich bestimmt kein Christ geworden. Bestimmt nicht! Sitte, Moral und Liebe sind Folge, aber nicht Mitte oder Begründung des christlichen Lebens. Wie arm sind die Menschen, die sich mit Geboten und Anordnungen zufrieden geben müssen. Mitte, Wahrheit und Grund des christlichen Glaubens ist Jesus selber.
Der Mensch glaubt, der sich mit diesem Geheimnis Jesu einlässt. So wie ein Liebender mit der Geliebten in großem Vertrauen eins wird, so eint sich der Glaubende mit der Liebe Jesu. Darin ist Glaube, dass ein Mensch diese Liebe annimmt!
Der Glaube an Jesus Christus entsteht nicht, wenn man mal an ihn glauben will, sondern wenn man Vertrauen zur Person Jesu gewinnt.
Von einem alten Priester hörte ich dieses Erlebnis: Er tat seinen Dienst in der Pfarrgemeinde, wie es seinem Glauben und Auftrag entsprach. Alles verlief leise und normal. Aber dann wurde er ins Altenheim gerufen. Eine 94jährige Frau war sehr, sehr schwach und musste eigentlich sterben. Aber vor lauter Angst konnte sie nicht sterben. Der Priester kam. Und dann tat er etwas Großes: Er legte sich behutsam auf das Bett, nahm die Hände der Frau, umarmte mit der anderen Hand den Kopf und begann leise die Lieder des Glaubens zu singen:
»Wenn ich einmal soll scheiden, dann scheide nicht von mir, wenn ich den Tod soll leiden, so tritt du dann herfür; wenn mir am allerbängsten wird um das Herze sein, so reiß mich aus den Ängsten kraft deiner Angst und Pein.« (Paul Gerhardt)
Dieses und ähnliche Lieder sang er. Ganz langsam löste sich die Angst aus dem Gesicht der Frau, und es trat ein erlöstes Aufatmen ein. Während der Priester sang, schlief die Frau ein und ging von der Zeit in die Ewigkeit. Sie hatte das Gesicht eines glücklichen Kindes.
Als ich diese Geschichte jetzt einem Studenten in Hannover erzählte, sagte der spontan: »Diesen Priester möchte ich gerne kennen lernen, das klingt sehr vertrauenswürdig!«
Sehen Sie ‑ genauso entsteht Glaube an Jesus Christus: Lesen Sie das Leben Jesu. Schauen Sie sich einen der guten Jesus‑Filme an und nehmen Sie das Bild Jesu in sich auf. Es wird Ihnen widerfahren, was mir bis zur Stunde geschieht: Die Gestalt Jesu in seinem Leben, seinem Leiden und seiner Auferstehung schafft ganz tief in mir Vertrauen.
Die Gestalt Jesu will erzählt und gemalt werden. Ich weiß, das ist sehr anspruchsvoll und braucht Zeit und Stille. Aber ist er es denn nicht wert? Sind wir es denn nicht wert, dass wir uns dem größten Menschen, der je gelebt hat, auf vielfache Weise nähern?
Nur eines sollten wir nicht tun: Wenn wir Schwierigkeiten im Glauben, mit der Kirche und der christlichen Religion haben, dann sollten wir nicht ständig die Mängel der Menschen zum Hauptgrund unserer Zweifel oder unseres Unglaubens machen. Das ist nicht recht. Der tiefste Grund, dass Menschen kein Vertrauen zu Jesus Christus finden, liegt darin, dass sie ihn nicht kennen. Wer ihn kennen lernt, wird von ihm auch tief berührt und kann plötzlich ein Vertrauen aufbauen, von dem er vorher nichts wusste. Wir haben in uns große Glaubens‑ und Liebeskräfte. Sie warten darauf, wo sie sich lohnend festmachen können. Bei Jesus lohnt Glaube bestimmt.
Vor Jahren waren wir mit dem Jugendkreis einer Gemeinde in dem Film »Das Matthäusevangelium« von Pasolini. Vorher waren viele skeptisch. Doch der Film beeindruckte alle tief Hinterher sagte ein Jugendlicher, was alle so ähnlich dachten: »Zu diesem Jesus kann ich Vertrauen haben.« Sagte es und beschloss, sich mit diesem Herrn nun auch existenzmäßig einzulassen. Er begann zu glauben.
Wir glauben nicht, wann wir wollen, sondern wenn wir von dieser Gestalt Jesu und von seinem Geheimnis erreicht werden. Wir können gar nicht anders. Es sei denn, wir wollten diese Gestalt nicht in unserem Leben haben. Aber ich habe es hundertmal bei mir und anderen erfahren: Er wird um uns werben und uns zurechtlieben, dass wir uns wundern werden. Er selber gewinnt Menschen, dass sie ihm glauben.
Am Anfang glauben wir ja nicht an ihn, sondern er offenbart, dass er an uns glaubt. Er sieht uns und glaubt, dass sich seine Liebe und seine Gegenwart bei uns lohnen. Er hält uns für so würdig, dass er gerne bei uns ist. Nicht wir sind die ersten, die glauben, sondern er ist der erste, der Vertrauen zu uns hat und sich mit uns einlässt.
Als ich dies einmal einem Mann sagte, antwortete er erstaunt: »Aber dieser Jesus kennt mich doch gar nicht, wie soll er denn Vertrauen zu mir haben?« Da antwortete ich ihm: »Haben Sie eine Ahnung! Er ist selber Mensch geworden, wie Sie, er hat Ihr Leben und Ihre Schuld, Ihre Tiefen und Ihre Höhen und ihr Sterben durchgemacht. Wenn einer Sie kennt, dann ist er das!« Diese Wahrheit war für ihn ganz neu und hat ihn im wahrsten Sinne des Wortes begeistert.
Ein Mensch beginnt zu glauben, wenn er mit Jesus anfängt zu sprechen wie mit einem Freund, den man erst jetzt kennen lernt. Das Gebet ist das Gespräch mit meinem »ewigen Freund«. Wann und wo und wie ich mit ihm rede, das ist meine Sache. Aber es ist seltsam ‑ wenn man ihm begegnet, fängt man an, mit ihm zu reden. Das Gebet ist das gewisse Zeichen: Er hat längst mit mir Verbindung aufgenommen.
Darum baten damals die Jünger sehr schnell: »Lehre uns beten!«, und er gab ihnen das Gebet der Christen, das Vaterunser. In diesem einzigartigen Gebet verbirgt sich alles, was Jesus uns zu offenbaren hat und was und wie wir mit ihm und dem Vater reden dürfen. Das Gebet wird zum innersten und hellsten Raum im Leben eines Glaubenden. Es gibt nichts, was wir mit ihm nicht bereden könnten, und es gibt keine Schuld, keine Sorge, keinen Jammer, den wir ihm nicht vorlegen und ausliefern könnten: Im Gebet verwandelt sich unser Leben immer zu einem Gefäß seiner Liebe. Wer betet, der gibt sich selber und nimmt Jesus auf. Es ist unendlich Mut machend und tröstlich, mit seinem Herrn reden zu können. Und sollten wir nicht beten können, dann betet er in uns, bis wir wieder mit ihm reden können.
Wer ihm glaubt, der lässt sich mit ihm ein. Er fängt an und hört nie mehr auf, in seinem Wort ihn selber mehr und mehr kennen zu lernen. Das Bild Jesu, so wie es das Alte und Neue Testament malt, wird im Laufe der Jahre immer deutlicher und Mut machender. Aber fertig werden wir mit dem Erkennen seiner Wahrheit und Liebe nie. Erst in Ewigkeit werden wir ihn sehen, »wie er wirklich ist« (nach 1. Korinther 13,12). Darin liegt der tiefere Sinn des Bibellesens, dass wir ihn und sein Geheimnis erkennen, seine Höhe und Tiefe, seine Weite und Enge: Vom Kreuz bis in die letzte Weite des Kosmos und der Ewigkeit erfüllt er alle und alles. Das gilt es zu erkennen. Der Glaubende bleibt immer ein Erkennender. Johannes kann sagen: »Das ist das ewige Leben, dass wir den Vater und Christus erkennen« (nach Johannes 17,3).
So bekommt unser Geist, so bekommt unsere Seele eine neue, einzigartige Mitte: Jesus Christus. Diese Mitte wirkt nun bestimmend für unser Denken, Fühlen und Träumen, für unser Reden, Planen und Handeln. Das Geheimnis Jesu in uns wird wirken, wird sich auswirken und erweist sich so als Wirklichkeit unseres Lebens. Jesus ist jetzt kein frommer Gedanke, der nichts bewirkt, sondern er wird zur inneren Größe und Kraft, die langsam, reifend und wachsend das ganze Leben mitbestimmt. Jesus sagt: »Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht. Ohne mich könntet ihr diese Frucht, dieses neue Leben, nicht leben« (nach Johannes 15,5).
So wie wir merken, dass uns Brot und Getränke stärken, so werden wir auch erfahren: Unser Leben wird neu gefüllt und bestimmt durch das Wort Jesu, durch seine Gegenwart, die Gespräche mit anderen Christen und die Begegnung mit ihm im Heiligen Mahl. Das ist ein Wachstumsprozess. Wir werden nicht alles auf einmal haben können. Im Reich des Geistes und des Glaubens wächst alles. Aber jeder wird merken: Seine Fragen werden aufgenommen und beantwortet, neue Fragen kommen und müssen wiederum verarbeitet werden. Neue Ansichten kommen, es muss umgedacht und umgedeutet werden. Es werden Lebensgestaltungen ermöglicht, an die man selber vorher nie gedacht hat.
Christen sind nicht fehlerlos, sie wissen von Schwächen und auch von handfesten Pleiten. Aber diese Nöte werden anders geklärt und bereinigt als ohne den Glauben an Jesus Christus. Die Vergebung und Versöhnung sind plötzlich Wirklichkeit und schaffen ein neues Klima zwischen Menschen. Jesus ist da, das gibt dem ganzen Leben neue Tiefe, Weite und Mut.
Carpe diem! Nutze den Tag. Die Begegnung mit Jesus Christus ist die Begegnung mit der ewigen Welt. Nicht bedrohend, nicht erdrückend, sondern aufrichtend, befreiend und unendlich Mut machend. Das Kommen Jesu macht das Leben hell. Er sagt: »Ich bin das Licht der Welt!« (Johannes 8,12) Er kommt nicht anklagend, sondern vergebend. Er kommt nicht erdrückend, sondern befreiend. Er kommt nicht verdummend, sondern klug machend. Er macht keine Angst, sondern bewirkt, dass »unser Mund voll Lachens und unsre Zunge voll Rühmens« (Psalm 126,2) ist.
Aber wer und was bin ich denn, wenn ich nun glaube? Was ist anders bei mir als bei anderen? Worin unterscheiden wir uns von anderen Religionen? In den nächsten Kapiteln nenne ich sieben Dinge, die Christen von sich sagen können.
Klaus Vollmer

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