Ich glaube, also bin ich in der Wahrheit
Das Wort Wahrheit mag heute niemand. Es hat soviel Streit um Wahrheit und Wahrheiten gegeben, dass die Menschen in den Konfessionen einfach keine Lust mehr haben nach Wahrheit zu fragen oder sich darum zu streiten. Wer die Kräche der letzten Jahrhunderte nur ein wenig wahrgenommen hat, versteht die Erschöpfung, die mit diesem Thema aufklingt. Ein junger Mann sagte mir: »Ich will meinen Spaß am Leben, aber ich brauche keine Wahrheit!«
Und doch muss gesagt werden: Für einen Christen ist das anders. Er kommt an der Wahrheitsfrage nicht vorbei, weil der Herr, an den er glaubt, von sich selber sagt: »Ich bin die Wahrheit« (Johannes 14,6). Selbst wenn ein Christ sich mit den Geistern der Zeit gleichschalten wollte und selber keine Lust hätte, über die Wahrheit zu reden, müsste er sich dennoch dieses Themas annehmen, um Jesu willen. Ich glaube, also bin ich an dieses Thema der Wahrheit gebunden! Ich kann machen, was ich will. Wer sagt: Ich will nicht über Wahrheit reden, ich mag diese Diskussionen nicht!«, der kann das zwar beschließen. Aber der Herr, an den er glaubt, wird ihn nicht zur Ruhe kommen lassen. Er wird sagen: »Ich bin die Wahrheit!« Und schon ist das Thema wieder da.
Wir kennen die Szene (Johannes 18,33 bis 19,22): Jesus vor Pilatus. Oder stand in diesem Augenblick Pilatus vor Jesus? Der römische Statthalter war berüchtigt wegen seiner Grausamkeiten. Er machte nie langes Federlesen. Er setzte durch, was er wollte, ein Menschenleben galt da nicht viel.
Die Juden wollten Jesus weghaben. Sie hatten sich furchtbar an Jesus geärgert. Was sie von ihm gehört hatten, konnten sie nicht ertragen. Er hatte sich mit Gott gleichgesetzt: »Ich und der Vater sind eins! (Johannes 10,30) Der Hohepriester hatte ihn leidenschaftlich aufgefordert: »Ich beschwöre dich bei dem lebendigen Gott, dass du uns sagst, ob du der Christus bist, der Sohn Gottes.« Und Jesus hatte geantwortet: »Du sagst es!« Da zerriss der Hohepriester sein Obergewand und rief: »Er hat Gott gelästert! Was ist euer Urteil?« Sie antworteten: »Er ist des Todes schuldig!« (Matthäus 26,63‑66) So kam es zum Prozess gegen Jesus. Die jüdischen Oberen wollten ihn weghaben.
Sie durften aber nach dem römischen Gesetz kein Todesurteil vollstrecken. Also musste die Besatzungsmacht herhalten. Sie brachten Jesus zu Pilatus und stellten in größter Erregung fest: »Wir haben ein göttliches Gesetz, und nach diesem Gesetz muss er sterben, denn er hat sich selbst zu Gottes Sohn gemacht!« (Johannes 19,7)
Das war furchtbar für einen gläubigen Juden. Bis heute sagen Juden: »Wir haben nichts gegen Jesus von Nazareth. Er gehört zu unserem Volk, er ist unser Bruder. Vieles können wir mitmachen, was er gesagt hat. Aber dass er in die Nähe Gottes gerückt wurde und wird, das ist für uns Juden unerträglich, denn es gibt nur einen Gott. >Du sollst keine anderen Götter haben neben mir!<« (2. Mose 20,3)
Aber es ist nicht nur für Juden unerträglich, wenn sich ein Mensch für Gott hält. Wenn jemand sagen würde, er sei Napoleon, dann würden wir ihn in ein entsprechendes Krankenhaus schicken. Wenn mir jemand käme und allen Ernstes behauptete, er sei Gott selber, wäre mir das unheimlich. Den Juden wurde nicht nur unheimlich, sie waren in ihrem Glauben getroffen. Sie waren außer sich. Und auf dem Richtstuhl sitzt der römische Statthalter, der dieses unfassbare Drama mitbekommt. Es heißt von Pilatus, dass er sich mitten in diesem Prozess zu fürchten begann. Das will etwas heißen, bei diesem brutalen Menschen, der bis jetzt vor nichts zurückgeschreckt war.
In diesem Prozess gibt es einen seltsamen Dialog: Pilatus fragt: »Bist du der Juden König?« Er fragt natürlich mit einer Mischung aus politischer Neugier und Zynismus, denn Jesus stand armselig und geschlagen vor ihm. Daraufhin fragt ihn Jesus: »Sagst du das von dir aus, oder haben dir's andere über mich gesagt?« Pilatus reagiert heftig. Er hat bestimmt nicht mit dieser Frage gerechnet. Was meint Jesus? Will er Pilatus nach seiner eigenen Meinung fragen oder diesen brutalen Machtmenschen mit einer einzigen Frage bloßstellen?
Pilatus heftig: »Bin ich ein Jude? Dein Volk und die Hohenpriester haben dich mir überantwortet. Was hast du getan?« Pilatus will mit dem Prozess beginnen. Da kennt er sich aus. Diese Rückfragerei muss ihn verwirrt haben.
Jesus sagt Pilatus nicht, was er getan hat, sondern knüpft an die erste Frage des Pilatus an und antwortet: »Mein Reich ist nicht von dieser Welt!« Es ist, als wollte Jesus dieses Thema vom Reich mit dem Machthaber Roms klären. »Wäre mein Reich von dieser Welt, meine Diener würden kämpfen, dass ich den Juden nicht überantwortet würde; nun aber ist mein Reich nicht von dieser Welt!«
Damit steht Pilatus fassungslos im Aus, denn was soll er mit einem Reich anfangen, das es in dieser Welt gar nicht gibt? Was soll das für eine Macht sein, die in dieser Welt gar keine Macht hat? Pilatus muss völlig verwirrt gewesen sein. Ich bin davon überzeugt, so etwas hat er noch nie erlebt. So geht er auf das Nächstliegende zu und fragt: »So bist du dennoch ein König?« Vielleicht war diese Frage der Versuch, wieder einen Zusammenhang für einen ordentlichen Prozess mit Strafanzeige zu bekommen. Vielleicht wurde Pilatus auch einfach neugierig. Es war ja noch etwas Seltsames passiert: Seine Frau hatte ihm morgens sagen lassen: »Habe du nichts zu schaffen mit diesem Gerechten, denn ich habe heute viel erlitten im Traum um seinetwillen!« (Matthäus 27,19) So muss man versuchen zu begreifen, was dieser Mann da wohl durchgemacht hat.
Aber auf die Frage, ob er denn nun doch ein König sei, antwortet Jesus: »Du sagst es, ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeugen soll. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme!«
Pilatus weiß überhaupt nicht mehr, was hier vorgeht: Er sieht einen geschundenen Wanderprediger, der Fragen stellt und plötzlich von einem Reich spricht, das es in dieser Welt gar nicht gibt ‑ und der dann sagt, dass er für die Wahrheit da sei. Was mag bei Pilatus wohl vorgegangen sein? Ich höre, wie er nur noch müde abwinkt und sagt: »Was ist Wahrheit?« Dann steht er auf und geht hinaus zu den Juden: »Ich finde keine Schuld an ihm.«
Da ist dieses Stichwort: Wahrheit! Pilatus winkt müde ab. Millionen winken heute müde ab. Aber genau hier wird es spannend. Ich frage mit Pilatus: Was ist Wahrheit? Gibt es sie? Oder ist sie eine Einbildung?
Wahrheit geschieht da, wo man die Dinge sieht, wie sie wirklich sind. Wahrheit ist das Ende der Täuschung. Wo Wahrheit ist, da wird das Verborgene aufgedeckt. Es wird klar, wie Vordergrund und Hintergrund, wie Welt und Himmel, Mensch und Gott, Gut und Böse, Sinn und Unsinn, wie Anfang und Ende und wie überhaupt alles mit allem zusammengehört. Goethe schreibt im »Faust«: »Was die Welt im Innersten zusammenhält... « Darum geht es in der Wahrheit.
Was ist in den Jahrtausenden nicht schon alles über die Wahrheit gesagt, geschrieben, wieder bestritten und neu behauptet worden? Und nun kommt Jesus und sagt: »Ich bin gekommen, damit ich für die Wahrheit eintrete. Und wer aus der Wahrheit ist, wer Wahrheit will, der hört auf mich. Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich!« Wer mit mir zu tun bekommt und sich mit mir einlässt, der wird die Welt erkennen, wie sie wirklich ist. Er wird Gott erkennen. Er wird erkennen, wer der Mensch und wer er selber ist. Ich werde ihm die Augen öffnen, damit er erkennt, was Heil und Fluch, was Erlösung und was Verdammnis ist.
Jesus sagt nicht, dass er einige wahre Gedanken über Gott und die Welt habe. Das hat er auch. Er sagt, dass er selber Wahrheit ist. Wer also Wahrheit will, der muss Jesus wollen und nicht weniger. Wer mit Jesus lebt, in dem lebt die Wahrheit. Er sucht nach Wahrheit und fragt überall danach, wie die Dinge wirklich sind.
Ich glaube, also bin ich ein Mensch, der mit der Wahrheit zu tun hat. Das Schicksal meines Lebens ist Jesus, ist die Wahrheit. Ich kann nicht mehr anders, ich werde die Welt mit den Augen Jesu sehen lernen. Ich werde denken lernen, wie es seiner Wahrheit, seiner Liebe und seiner Gegenwart entspricht. Ich weiß es, ich bin nicht die Wahrheit, und es gibt Augenblicke, da liebe ich die Wahrheit nicht. Da möchte ich mir etwas vormachen, so wie alle Menschen sich etwas vormachen wollen. Dann werde ich mich und andere täuschen wollen, weil es bequemer ist, sich etwas vorzumachen. Aber es wird mir nicht gelingen, denn weil ich Jesus glaube, weil er mich zu sich gerufen hat und weil ich mich habe rufen lassen, darum wird er mich überführen, andere Gedanken zu denken, als ich sie gerne gedacht hätte. Er sagt: »Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme« (Johannes 18,37). Und: »Der Geist wird euch in alle Wahrheit leiten!« (Johannes 16,13)
Das ist die Bestimmung der ganzen Kirche: In der Wahrheit zu leben, nach Wahrheit zu fragen und immer wieder in die Wahrheit geführt zu werden. Hier liegt die heimliche Unruhe eines jeden Christen, welche Konfession auch immer dabei gesehen wird: Die Unruhe kommt von Jesus, von der Wahrheit. Jesus will dafür sorgen, dass wir die Dinge sehen lernen, wie sie sind. Er wird immer wieder Menschen berufen, damit sie seine Wahrheit aussprechen und sagen, wie in seinem Licht und in seiner Wahrheit der Mensch, die Dinge und der Kosmos verstanden werden müssen.
Es gibt gläubige Menschen, die nicht viel von der Theologie halten. Das ist vielleicht zu verstehen, wenn man daran denkt, wie abstrakt Theologen reden können und wie verwirrend manche theologischen Ergebnisse sind. Trotzdem hat die Kirche Jesu von Anfang an Theologie treiben müssen. Sie hat um der Wahrheit, um der Gegenwart Jesu willen fragen müssen, wie sich denn die Dinge im Licht des Heils verhalten. Bereits zur Zeit der Apostel gab es Streit, wie man die Geister der Zeit beurteilen und mit den verschiedenen Herausforderungen fertig werden sollte.
Was waren die Briefe des Paulus denn anderes als ausgesprochen mühevolle und durchdachte Auseinandersetzungen darum, was die Frohe Botschaft nun bedeutete?! Da ging es doch nicht um ein paar fromme Redensarten. Hier wurde ein gigantischer Kampf um Wahrheit gekämpft. Man lese Apostelgeschichte 15: Das waren doch erst ein paar Jahre nach der Bekehrung des Saulus zum Paulus. Paulus hatte Großes erlebt. Er hatte durchgemacht, was es heißt, als Bote des Evangeliums aufzutreten. Dann kam er nach Jerusalem. Er ging zu den anderen Aposteln, und die ganze Gemeinde versammelte sich. Nun wurden Fragen debattiert: Muss man das göttliche Gesetz, das Mose empfangen hatte, auch den Heidenchristen auferlegen? Wir verstehen diese Fragen heute kaum noch. Aber damals waren die Auseinandersetzungen von größter Heftigkeit. Da ging es um nicht mehr und nicht weniger als darum, ob die Christen eine jüdische Sekte werden sollten oder ob das Heil und der Herrschaftsanspruch Jesu weltweite Bedeutung bekommen würden (Apostelgeschichte 15).
Wer von Theologie spricht, muss von diesem Kampf um die Wahrheit reden. Es ist der Herr selber, der sich in dem Kampf um Wahrheit zu Wort meldet. Denn er selber will, »dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen« (1. Timotheus 2,4). Auch Martin Luther muss aus diesem Kampf um Wahrheit verstanden werden. Und das gilt letztlich für jede theologische Arbeit, für jede Synode, jedes Konzil, jede Predigt, jeden Konfirmandenunterricht, jede Einführung in die Kommunion und jede Darstellung in der christlichen Kunst. Die ungeheure Flut von theologischen Zeitschriften, Kommentaren und Büchern ist letztlich immer auch Ausdruck dieses Kampfes um Wahrheit.
Er ist es selbst, der in und durch und mit dieser geistigen Mühe dafür sorgt, dass seine Wahrheit in der Welt gedacht und bekannt gemacht werde. Darum achte ich die Theologie. Ich gebe denen nicht recht, die Frömmigkeit mit Denkfaulheit gleichsetzen, und weigere mich, alte Formeln zu wiederholen, wenn ich mitbekomme, dass Neues gedacht werden muss. Der Glaubende wird im Rahmen seiner Gaben und Möglichkeiten dazu befreit und berufen, mitzutun an dieser Mühe um Wahrheit. Diese Mühe hat auch Würde und Schönheit. Theologie kann nicht verdächtigt, sondern immer nur als Ausdruck der Mühe um Wahrheit geachtet werden. Alle Theologie hat in der Mitte die Versöhnungstat Jesu, die Botschaft vom Kreuz. Von hier wird gedacht, unterschieden und gewagt, das Gedachte in eine dem Leben gemäße Gestalt zu bringen.
Zu diesen großen Unterscheidungen gehört die Mühe um »Gesetz und Evangelium«. Wer nach dem Evangelium fragt, darf nicht beim Gesetz landen. Wer das Gesetz will, darf es nicht mit dem Evangelium verwechseln. Wenn man sich heute die Auffassungen über Gott und Kirche und Jesus anhört, erfährt man: Die meisten Menschen reden von Gott und vom Christsein immer nur gesetzlich.
Wir sprechen vom »Gesetz« dort, wo Gott fordert: »Du sollst, du sollst nicht«. Im Leben zwischen Menschen und Völkern gibt es keine andere Möglichkeit des Miteinanders als jene, die durch Gesetze geregelt wird. Ohne Ordnungen und Gesetze geht alles in Chaos und Willkür unter. Wer das Leben achtet und schützt, achtet auf Ordnungen und sorgt dafür, dass der Mensch existieren kann. Insoweit sind Gesetze immer Hilfen zum Leben des einzelnen und des Gemeinwesens. Wer das Gesetz bricht, verletzt Menschlichkeit und Würde. Wer sich verabredet, der soll die Verabredung einhalten, sonst hat er den anderen beleidigt. Wer einem anderen Geld schuldet, soll es ihm bald wiedergeben und noch ein paar Mark zulegen, sonst nutzt er ihn aus. Wer in der Ortschaft schneller als 50 km/h fährt, muss eben bestraft werden. Und wenn bestimmte Gesetze und Verabredungen nicht mehr gut sind, werden neue Gesetze und neue Verabredungen gefunden werden müssen.
Das Leben will geordnet und geschützt sein. Dazu brauchen wir Gesetze. Und der Staat muss die Macht bekommen (Polizei und Gericht u. a.), um das Gesetz zu schützen und, wenn nötig, mit Macht durchzusetzen.
Aber in der Beziehung zwischen Gott und Mensch gilt das Gesetz nicht mehr: Seit dem Kommen Jesu wird das Verhältnis zwischen Gott und Mensch nicht mehr durch das Gesetz bestimmt, sondern durch die Versöhnung, die Gott selber in Jesus Christus geschaffen hat. Zwischen mir und Gott steht nicht das fordernde Gesetz, sondern der gekreuzigte und auferstandene Herr. Gott spricht mir die ewige Vergebung zu, und ich glaube meinem Herrn, dass er meine Sünde und meine ganze Widersprüchlichkeit für Zeit und Ewigkeit getragen hat:
»Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.
Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt (2. Korinther 5,19+21)
»Nun ist aber ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, offenbart, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten. Ich rede aber von der Gerechtigkeit vor Gott, die da kommt durch den Glauben an Jesus Christus zu allen, die glauben.« (Römer 3,21‑22)
Wo dem Menschen dieser Name Jesu und sein Geheimnis verkündigt und zugesprochen wird, da und nur da geschieht Evangelium. Dieses Evangelium kann nicht gemacht, sondern nur geglaubt werden. Wer Jesus Christus glaubt, dass er für uns ans Kreuz gegangen ist, dass er jetzt da ist und nichts anderes will, als dem Menschen das Leben, den Frieden und die Freiheit zu einem erfüllten Leben zu bringen ‑ ist gerecht.
Das heißt, er oder sie ist vor Gott, vor sich selber und vor allen Menschen gut, richtig und heil!
Diese Unterscheidung von Gesetz und Evangelium gehört mit zur Wahrheit eines Christen. Er selber muss das denken und klären, damit er sich nicht verheddert. Es ist ein Jammer, wenn heute die meisten immer nur von Gesetzen und Moral reden, sobald sie vom christlichen Leben sprechen. In dieser Moral und in diesem dauernden Fordern liegt soviel Drohung, soviel Angstmache, dass man heulen könnte, was im Volk der Reformation an herrlichem Evangelium verloren gegangen ist.
Aber schon Paulus musste sich leidenschaftlich dafür einsetzen, damit Evangelium Evangelium blieb. So schrieb er in dem Brief an die Galater (an die Bürger der Provinz Galatien, nördlich von Ankara), doch nicht vom Evangelium zurückzufallen in das Gesetz: »Mich wundert, dass ihr euch so bald abwenden lasst von dem, der euch berufen hat in die Gnade Christi, zu einem andern Evangelium, obwohl es doch kein andres gibt, nur dass einige da sind, die euch verwirren und wollen das Evangelium Christi verkehren.« (Galater 1,6-7)
In diesem Klärungsprozess ging und geht es nicht um ein paar theologische Probleme, sondern um das Christentum selber, ja,
es geht um Christus. Denn wenn das Gute, das der Mensch tun soll und tun kann, im Mittelpunkt steht, braucht er die Versöhnung Jesu nicht mehr.
Wer denkt, wo das Gute getan werde, sei schon das Christentum lebendig, der meint es in seiner Auffassung sicher gut, aber die Auffassung ist falsch. Es geht im Christentum zuerst nicht um gute Taten, nicht um Umweltschutz, Moral, soziale Fragen, Abrüstung oder all die Dinge, die ja wirklich gut und erstrebenswert sind. Im Christentum geht es zuerst und vor allem um das Geheimnis Christi! Diesem Geheimnis der Liebe und der Versöhnung öffnet sich der Christ. Dieses Geheimnis bestimmt sein Leben und von hieraus denkt, redet und handelt er.
Ganz gewiss werden Christen versuchen, das Gute zu tun und Menschen zu helfen, aber das können andere Menschen auch. Das Wesen des Christen, sein Herz, seine Mitte ist nicht das, was man tun kann, sondern ist der, der für ihn am Kreuz alles getan hat. Weil er diesem Herrn Jesus Christus glaubt, wird er tun, was er nun tun kann. Das Christliche am Christentum ist Jesus Christus, der gekreuzigte und auferstandene Herr. »In Ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig« (Kolosser 2,9), in ihm und nicht in den guten Taten, die wir tun möchten.
Ich weiß: Unser Volk ist sehr von Moral bestimmt. Es hält das Moralische für christlich und darum das Christliche für moralisch. Was haben wir da nur gemacht? Wie oft habe ich mir gewünscht, einmal in der besten Sendezeit am Abend im Fernsehen zu sagen, wo der Glanz und das Geheimnis des Evangeliums liegen. Dann würde ich auch gerne sagen, wie sich der lebendige Glaube auswirkt. Ich würde zeigen, was einem alles entgeht, wenn man sich damit zufrieden gibt, einige gute Taten zu tun ‑ gegen die ja keiner etwas hat, die aber in der Lage sind, Millionen von Menschen den Blick für die Unvergleichlichkeit der christlichen Existenz zu verbauen.
Um diesen Blick für die Schönheit und Größe christlichen Lebens zu behalten, suchen wir nach Wahrheit. Ohne Wahrheit geraten wir in die Schwärmerei. Wir träumen von einem Glauben, der letztlich nicht lebbar ist. Dafür gibt es ein Erkennungszeichen: Die Frömmigkeit wird zum Gesetz! Man wird bedrängt und bedrückt, man muss dieses und jenes tun, und das Heil Jesu verschwindet aus den Augen. Gott bewahre uns beim Evangelium Jesu!
Zu den großen Klärungen des Glaubens gehört auch die Auseinandersetzung um Heil und Schöpfung oder um das Verhältnis von Jesus und Kosmos. Unser Herr bringt uns nicht nur die personhafte Gemeinschaft mit Gott, er versöhnt uns auch mit der gesamten Geschichte und dem Kosmos. Jesus ist ist nicht ein Teil der Geschichte und auch keine Nebensache zum Kosmos, sondern Jesus umschließt Kosmos und Geschichte; Geschichte und Kosmos sind ein Teil von ihm! Um diese Wahrheit geht es. Dann denkt man über den Fall der Berliner Mauer etwas anders: Es war der Herr, der sie fallen ließ!
So gilt auch auf diesem Gebiet: Wer im Glauben an Jesus Christus lebt, der lebt immer in der Liebe zur Wahrheit. Er möchte gerne wissen, wie die Dinge wirklich sind.
Deshalb gibt es für ihn keine Wissenschaftsfeindlichkeit. Der Christ wird mitdenken, was in den Wissenschaften erarbeitet worden ist. Denn was Wissenschaftler erkennen, das erkennen sie in der Schöpfung, die von unserem Gott gemacht ist. Der Wissenschaftler entdeckt gewissermaßen »Gott bei der Arbeit«. Wo immer neue Zusammenhänge erkannt und formuliert werden, werden daher Christen mitdenken und mitstaunen.
Das Problem setzt erst dann ein, wenn gefragt wird, wo die Zusammenhänge und der Sinn der Forschungsergebnisse liegen. Hier gibt es eine Grundentscheidung, die für Christen sehr wichtig ist. Ich will das an einem bestimmten Augenblick in der Christenheit deutlich machen:
Eines Tages kam ein Mitarbeiter des Paulus, Epaphras, von einer Reise zurück. Er war in den jungen christlichen Gemeinden gewesen, die gerade in Kleinasien, in der heutigen Türkei, entstanden waren. Und dort sagte man folgendes: Die Botschaft vom Evangelium haben wir nun gehört. Wir verstehen, dass Jesus unsere Schuld getragen hat und dass wir mit Gott versöhnt sind. Wir können glauben, dass der Herr für uns ist, dass wir mit ihm reden können und dass er uns durch das Wort leitet. So weit, so gut. Aber wie hängt denn nun der Glaube an Jesus Christus zusammen mit den Mächten und Kräften der Schöpfung? Was hat Jesus, der Heiland, zu tun mit dem Ablauf der Geschichte, mit dem Kommen und Gehen der Völker?
Heute würden wir sagen: Wie gehört der Glaube an Jesus Christus mit den Herausforderungen der Naturwissenschaften zusammen, mit den Entdeckungen im Weltall, dem Ablauf der Geschichte, der Erotik, der Klimaverschiebung usw.?
Es geht ja nicht, dass wir einen Herrn haben, der in einer frommen Nische des Sonntagmorgens zu uns spricht und mit der übrigen Welt nichts im Sinn hat. Es geht auch nicht, dass Jesus sich um unser Seelenheil kümmert, aber der weitere Verlauf von Leben und Erde, von Galaxien und Kosmos ihm egal ist. Es kann nicht sein, dass Gott mich erlöst, aber die Schöpfung mit dieser Erlösung nichts zu tun hat. Wie muss man diesen Zusammenhang vom Glauben an Christus her denken? Erst wenn es darauf eine Antwort gibt, können sich Christen hocherhobenen Hauptes durch die Welt bewegen und müssen nicht dauernd auf Tauchstation gehen, wenn von der »Welt« die Rede ist.
Als Epaphras dies dem Apostel vortrug, passierte etwas Aufregendes: Paulus zog sich nicht verlegen zurück und sagte auch nicht: »Ach, die böse, vergängliche Welt - da wollen wir uns mal gar nicht drum kümmern!« Er legte sein Schreibmaterial auf den Tisch und rief: »Die Herausforderungen der Geschichte und der Welt sind die besten Gelegenheiten, von der Größe und Tiefe Christi zu sprechen.« Und dann diktierte er den Brief an die Gemeinde zu Kolossä. Darin geht es um folgendes (Kap. 1,9-23):
Der Jesus, der alles mit Gott versöhnt, ist der Begründer, Erhalter und Vollender aller Dinge, allen Lebens, der Geschichte, der Völker und des Weltalls: »Denn in ihm ist alles geschaffen, was im Himmel und auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare... Und er ist vor allem, und es besteht alles in ihm.«
Das ist die Wahrheit über Geschichte und Kosmos: Jesus ist nicht ein Teil in der Geschichte, sondern die Geschichte ist ein Teil von ihm. Jesus Christus und seine Gemeinde sind nicht ein Teil in der Weltgeschichte, sondern die Weltgeschichte ist ein Teil in Christus. Und der Kosmos ist nicht das Ganze und Jesus nicht ein kleines Teil darin. Sondern Jesus Christus begründet und umgreift den Kosmos und gibt allem Leben, aller Geschichte und allen Galaxien Ziel und Sinn.
Damit ist eine unglaubliche Einsicht ausgesprochen: Der kleine Nazarener, der Mann vom Kreuz, der Auferstandene, ist das Ganze. Das riesige Weltall, die Milliarden von Menschen, die ganze Geschichte sind in seiner Hand nur ein Teil. Die Weite der Welt ist zutiefst beengt und macht ängstlich, aber die Enge des Kreuzes Jesu ist unendlich weit und frei. Alle Mächte des Kosmos, der Geschichte, der Menschen sind groß und schön, gewaltig und hinreißend; sie sind vergänglich und dem Tode ausgeliefert. Der kleine Christus sieht nach nichts aus, aber »in ihm wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig« (Kolosser 2,9). In ihm verbirgt sich ein Reichtum, den die Weit nicht kennt.
Grund, Mitte und Ziel allen Lebens ist Jesus Christus. Und alles, was war, was ist und was sein wird, ist begrenzt und bemessen durch ihn. Nichts, was war, ist und sein wird, begrenzt ihn. Alles kommt und geht, nichts bleibt, Er aber, der zu uns in die Geschichte gekommen ist, bleibt. Darum können wir die Dinge nehmen, wie sie kommen. Wir sollen sie loslassen, wenn sie gehen. Unser Herz hängen wir nur an einen, an den, der bleibt: Jesus Christus.
Wer so glaubt, kann mit der Welt richtig umgehen. Für Christen ist der christliche Glaube nicht ein Teil des Lebens. Das ganze Leben, mit all seinen Höhen und Tiefen, mit seinen Freuden und Leiden ist ein Teil unseres Glaubens. In dieser neuen Zuordnung leben Christen ein befreites und mutiges Leben. In dieser Zuordnung werden die Schöpfung, die Kräfte der Natur und des Leibes, der Seele und des Geistes als gute Gaben Gottes verstanden.
Aber die Gaben sind nicht der Geber. Die Gabe wird um des Lebens willen eingesetzt und gebraucht, aber der Geber wird angebetet. So geschieht das Leben in Wahrheit. Die Wahrheit Jesu befreit und entfaltet das Leben. Der Irrtum macht Angst und hindert das Leben. Vergebung und Versöhnung geben dem Leben das Lachen. Schuld und Menschenvergötzung hindern das Lachen. So werden Christen immer wieder dieser Wahrheit ihres Glaubens folgen: Zuerst und vor allem die Liebe und die Versöhnung Jesu. Von daher wird das ganze Leben lebenswert.
Christen bezeugen diese Wahrheit, die Jesus Christus heißt. Aber sie zwingen sie niemand auf, sie drohen nicht mit ihr und zwingen auch keinen Menschen, dieser Wahrheit zu glauben! Jesus selbst will, dass er dienend weiter getragen wird, niemals herrschend und beherrschend. Wer überreden will, mag es vielleicht gut meinen, aber er wird das Herz eines Menschen nicht erreichen. Wer zweckfrei dienen wird, wird erfahren, dass ein Menschenherz sich nur einer schwachen Wahrheit öffnet. Ich glaube, also bin ich in dieser Wahrheit, und diese Wahrheit ist in mir.
Das nächste Kennzeichen des Christen heißt: Ich glaube, also bin ich in der Hoffnung. Darum geht es im nächsten Kapitel.
Klaus Vollmer

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