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Ich glaube, also bin ich in der Hoffnung

 

Wer glaubt, ist an den gekreuzigten und auferstandenen Herrn gebunden. Deshalb hat er es immer mit zwei Wirklichkeiten zu tun: Mit dieser Welt, allen Schönheiten und Schrecklichkeiten, allen Freuden und allen Enttäuschungen, die nun einmal im Leben kommen ‑ und gleichzeitig mit dem Herrn, der alle Schuld getragen hat, der den Tod durchgestanden und jede Anklage vom Menschen auf sich genommen hat. Christen leben also im Glauben zugleich in der Zeit und in der Ewigkeit. Sie leben zwei Existenzen auf einmal. Das ist keine Schizophrenie, keine Spaltung der Persönlichkeit, sondern eine Persönlichkeits‑Erweiterung. Ich lebe als Christ immer auf der Grenze zwischen Ewigkeit und Zeit. Ich bin ganz hier ‑ und bin im Glauben immer auch schon bei Jesus. So wie unser Herr ganz zur Ewigkeit gehört, aber immer auch ganz bei uns ist.

In dieser Grenzexistenz ist die Hoffnung geboren. Sie ist etwas völlig anderes, als was normalerweise unter Hoffnung verstanden wird. Normal ist das ja so: Man steckt in einer Schwierigkeit und hofft, dass das irgendwie gut geht. Und wir freuen uns mit Recht, wenn unsere Hoffnungen im Alltag nicht enttäuscht werden, wenn es irgendwie gut weitergeht.

In der christlichen Hoffnung geht es um etwas völlig anderes, obwohl unser Herr auch in diesem alltäglichen Hoffen wirkt. Die christliche Hoffnung besteht darin, dass die Mauer zwischen Ewigkeit und Zeit durchbrochen ist. Das Tor ist auf. Gott wohnt nicht mehr »in einem Licht, zu dem niemand kommen kann« (1. Timotheus 6,16). Nun wohnt Gott in Jesus Christus, der unter uns lebt und alle Tage bei uns ist. Der ewige Gott und Herr, der den Kosmos begründete, ist nicht unendlich weit weg. Er wohnt nicht »hinterm Sternenzelt«. Er ist unter uns und verbirgt sich in dem Namen Jesus. Das ist die christliche Hoffnung! Wir sind nicht mehr unter uns, sondern er ist unter uns. Er ist nicht der Richter und Aufpasser, der fassungslos vor uns Menschen steht. Er kommt als der Liebende, der Arzt und der Freund zu uns und trägt den Namen Jesus. Und Jesus heißt auf deutsch »Gott ist Hilfe«. Das ist unsere Hoffnung.

Wer immer wir sind, was immer wir waren, wo immer wir hin wollen: Jesus ist für uns und unter uns. Das ist unsere Hoffnung. Wenn wir auf den Grund unseres Lebens gehen und Einsamkeit und Enttäuschung, Schuld und Bitterkeit empfinden, dann liegt er unter diesem Grund. Darum können wir getrost »zugrunde« gehen ‑ er ist immer noch unter uns, er beugt sich immer noch tiefer, als unser tiefster Grund ist. Das ist unsere Hoffnung. Wenn wir nichts mehr glauben können und alle unsere Gewissheiten verloren gegangen sind, wenn wir keine Freude mehr an irgendeiner Gemeinschaft haben; wenn uns die ganze Liebe Jesu dunkel wird und wir nichts mehr von Wahrheit und vom Erkennen wissen wollen ‑ dann ist Jesus dennoch bei uns und wohnt in unserer Schwachheit. Das ist die christliche Hoffnung.

In einem ergreifenden Text (2. Korinther 12,1‑10) berichtet der Apostel Paulus, wie er völlig am Ende gewesen sei und erlebt habe, wie »Satans Engel mit Fäusten« auf ihn einschlugen. Was immer er da erlebt hatte, es muss furchtbar gewesen sein. Vielleicht hatte er mit Nöten und Anfechtungen zu tun, die wir einem Apostel gar nicht zutrauen. Dann habe Paulus zum Herrn gefleht, dreimal, mit der letzten Anstrengung, zu der er fähig war. Er hat seinen Herrn angebettelt, dass er ihm diese Nöte nehmen möchte. Und was tat Jesus? Der Apostel schreibt:

»Und dann hat er zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.« Paulus setzt hinzu: »Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, damit die Kraft Christi bei mir wohne. Darum bin ich guten Mutes in Schwachheit, in Misshandlungen, in Nöten, in Verfolgungen und Ängsten, um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark.«

Hier wird christliche Hoffnung zur Sprache gebracht: Wenn alles danebengeht, wenn nichts mehr gelingt, wenn wir scheitern an unseren Idealen und an unserer Frömmigkeit, an Menschen und an Gott: Dann wird Jesus in der Schwachheit etwas aus uns machen, denn er ist bei uns. Er kennt uns, er tritt für uns ein und macht aus unserem Bruch seine Dome! Das ist christliche Hoffnung: Wir setzen nicht auf das, was wir sehen, fühlen oder denken. Wir setzen auf Jesu Liebe, die in die tiefste Tiefe reicht. Wir glauben an sein Ja, das sich auch in unserem Nein durchsetzen wird. Wir glauben an seine Führung, auch in unseren Sackgassen. So geschieht christliche Hoffnung. Die Folgen sind enorm:

Christen können glauben, dass wir uns um uns, um die Kirche und um die Welt nicht sorgen müssen. Wir wissen, dass wir uns alle übernehmen. Wir bewältigen weder unser eigenes Leben, noch die Zukunft unserer Kirche, noch die Probleme der Völker. Wer sich nur eine Tagesschau ansieht, weiß, wie wenig wir wirklich in der Weit leisten können. Wir sollten alle etwas bescheidener werden und weder von uns noch von anderen erwarten, was nicht erwartet werden kann. Der Christ glaubt, dass nicht wir, sondern der Herr mit unserem Leben und mit dieser Welt fertig wird. Erst wer das glauben kann, ist frei, das zu denken, zu sagen und zu tun, was er leisten kann. Es ist die Hoffnung auf den Herrn, die Mut gibt zu tun, was möglich ist, ohne über das zu verzweifeln, was nicht gelingen wird.

Es ist diese Hoffnung, die mit der Führung Jesu und mit seiner Kraft rechnet, auch und gerade mitten in den eigenen Grenzen und Schwächen. So steht der Christ nicht mit dem Rücken zur Wand der eigenen Hoffnungslosigkeiten. Er kommt aus dem Ja Christi, das allen Menschen an allen Orten in jeder Lage gilt. Dieses Ja trägt der Christ in das Leben eines einzelnen Menschen, der Familie, der Völker und in den Lauf der ganzen Geschichte. Der Christ sieht nicht nur, was ist, sondern er sieht immer auch den, der auf diese Welt zukommt. Darin geschieht Hoffnung.

Es kann eine Situation eintreten, in der ein Mensch sagt: »Das geht schief!« Christen werden möglicherweise, menschlich und vernünftig gesehen, das Gleiche sagen. Aber sie sagen auch: »In dieses Scheitern geht Christus mit!« Dann geschieht Hoffnung. Ein Geschäftsmann rief mich an und gestand: »Was immer ich in dieser Situation tue ‑ es ist falsch. Was soll ich machen?« Daraufhin überlegten wir lange, was zu verantworten ist und was nicht. Zum Schluss sagte ich ihm: »Wählen Sie die kleinere Not und Sünde, soweit wir das jetzt beurteilen können. Aber nun glauben Sie es auch: Ihr Herr lässt Sie nicht allein. Er wird Sie segnen, dass Sie sich wundern werden!« Damit habe ich nicht gesagt: »Sündigen Sie drauflos.« Nein, in einer ausweglosen Situation habe ich ihm das Evangelium verkündigt: Der Herr geht mit! Und so geschah für ihn die Hoffnung.

Heute wird viel darüber geredet, was der Mensch erforschen dürfe und was nicht. Gewiss, man kann mahnen und auf Gefahren hinweisen. Aber es glaubt doch keiner ernstlich, dass wir uns abhalten lassen zu forschen, wenn es etwas Neues zu erforschen gibt?! Wir haben das Atom gespalten, und wir werden noch ganz andere Sachen hinkriegen. Nun ist die Frage: Können wir glauben, dass unser Herr bei den Forschern und bei den Erfindungen dabei ist, oder meinen wir, unser Herr sei abwesend? Glaubt wirklich jemand, dass unser Herr sprachlos war, als das Atom gespalten wurde? Ich glaube das nicht: Ich glaube, dass Er selber forschen und erfinden lässt, damit die Menschen erkennen, wie Schöpfung wirklich ist. Er lässt sie allerdings auch an Grenzen kommen, wo sie zurückschrecken müssen. Wo sie erkennen sollen: Hier überhebe ich mich, wenn ich an dieser Stelle weitermache. Hier lege ich Grundlagen, die das Leben bedrohen.

Nur ist es oft schwer zu erkennen, wo genau die Grenze verläuft und was sich aus den erforschten Grundlagen machen lässt. Meine Hoffnung ist: Der Herr ist dabei. Auch wenn ich das nicht verstehe und die Pläne meines Herrn nicht kenne - ich glaube ihm, dass ihm »gegeben ist alle Gewalt im Himmel und auf Erden« (Matthäus 28,18).

Als am 22. Dezember 1989 in Berlin die Mauer am Brandenburger Tor geöffnet wurde, läuteten die Glocken der ganzen Stadt. Während ich mit vielen auf der Mauer stand und ein Trompeter »Süßer die Glocken nie klingen« blies, weinten und lachten wir da oben gleichzeitig. Zum ersten Mal fand ich dieses Lied von den »süßen Glocken« passend. Und wir dankten zu recht Gott für diesen Tag, an dem das Tor wieder aufging. Aber dann fragte ich mich: Warum haben die Glocken am 13. August 1961 nicht geläutet, als die Mauer gebaut wurde? Damals waren wir so entsetzt und so gelähmt, dass wir jede Hoffnung verloren. Hätten wir damals auch die Glocken läuten lassen - und sei es unter Tränen -, wir hätten eine Hoffnung bezeugt.

Dies ist der tiefere Grund, warum die Kirchen sowohl bei der Taufe als auch bei der Beerdigung läuten lassen: Im Geläut wird auf die Gegenwart Gottes hingewiesen, der immer und überall dabei ist. Das ist unsere Hoffnung.

Vor einigen Jahren wurde ich in eine Familie eingeladen, die von einem schweren Schicksalsschlag heimgesucht worden war. Der Sohn hatte sich das Leben genommen. Er war homosexuell, sein Vater hatte das entdeckt und ihm eine furchtbare Szene gemacht. Als er das Zimmer verlassen hatte, schrieb der Sohn seinen Abschiedsbrief und vergiftete sich. Nun saßen die Eltern und die Geschwister da und warteten sprachlos, ob ich als Christ etwas zu sagen wüsste. Ich gestehe: Es war furchtbar. Ich wusste auch nicht, was ich sagen sollte. Dann zitierte ich langsam und einfach aus dem Gesangbuch und sagte: »Das gilt jetzt für den Jungen, der beim Herrn ist, und das gilt für uns, die wir auch nicht ohne diesen Herrn sind:

»Nun, was du, Herr, erduldet, ist alles meine Last; ich hab es selbst verschuldet, was du getragen hast. Schau her, hier steh ich Armer, der Zorn verdienet hat. Gib mir, o mein Erbarmer, das Antlitz deiner Gnad.

Wenn ich einmal soll scheiden, so scheide nicht von mir, wenn ich den Tod soll leiden, so tritt du dann herfür; wenn mir am allerbängsten wird um das Herze sein, so reiß mich aus den Ängsten kraft deiner Angst und Pein.« (Paul Gerhardt)

Jahre später begegnete ich dem Vater wieder. Er hatte sich ganz der Arbeit unter Drogenabhängigen gewidmet und erzählte mir: »Als wir damals völlig zusammengebrochen dasaßen und ich diese Verse von Paul Gerhardt hörte, begann ich zu begreifen, was Hoffnung ist. ich habe noch viel durchgemacht, aber ich bin durch diesen Zusammenbruch barmherzig geworden und habe auf Jesus hoffen gelernt. Er hat mir einen Frieden gegeben, den ich nicht für denkbar gehalten hatte.«

In einer Gemeinde erzählte mir der Pastor eine denkwürdige Geschichte von einem jungen Mann, der nachweislich überall versagte. Er war, so sagte der Pfarrer, ein typischer Versager; er brauchte nur was anzufassen, und schon war es kaputt. Der Pastor sei völlig verzweifelt gewesen. Dann habe er durch Zufall mit einer alten Diakonisse gesprochen, und die habe gesagt: »Herr Pastor, Sie müssen dem Jungen mal sagen, dass Sie Großes in ihn hineinglauben. Das wirkt Wunder!« Zuerst, erzählte der Pfarrer, sei er ein bisschen ratlos gewesen, was er denn nun in den Versager hineinglauben sollte. Dann sei ihm aufgegangen, dass die Diakonisse tatsächlich recht haben müsse, denn wie anders geht unser Herr mit uns um? Dann habe er sich um diesen Jungen persönlich gekümmert und ihm immer wieder gesagt, wie gut dies und jenes gelingen würde und wie wertvoll er sei.

Unter diesem Eindruck von Hoffnung sei der junge Mann wirklich aufgeblüht. Heute würde kein Mensch mehr darauf kommen, dass er einmal ein typischer Versager gewesen sei. Und er schloss mit dem Satz: »Es ist wirklich wahr: Wer Hoffnung hat und sie weitergibt, der kann Menschen verwandeln!«

Wir Christen hoffen nicht, weil wir uns eine optimistische Redensart angewöhnt hätten, sondern weil wir an diesen Herrn glauben, der niemals Menschen aufgibt. Nie! Diese Hoffnung setzt er in uns und bei uns durch. Alle Hoffnung aber zielt letztlich auf jenen Tag, wo er wiederkommen wird, »zu richten die Lebenden und die Toten«.

Die Hoffnung der Welt ist das Kommen Jesu und seine Herrschaft, die niemals ein Ende haben wird. Er kommt nicht darum wieder, weil wir das so gerne hätten und glauben, sondern weil er einmal gekommen ist, glauben und wissen wir, dass er wiederkommen wird. Darum glauben wir ihm das. Der Himmel ist kein Traum, sondern die letzte Wirklichkeit, aus der er zu uns gekommen ist, in der er beim Vater ist und für uns bittet.

 

Klaus Vollmer

 

 

 




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