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4. „Männliche“ und „weibliche“ Ausdrucksweisen
Gott, der Ganz-Andere, ist kein Mensch, weder ein weiblicher noch ein männlicher, nicht Mann noch Frau. Die „männlichen“ Bilder, die in der Bibel für Gott verwendet werden (zum Beispiel „Vater“) oder auch die Tatsache, dass wir „der Gott“ sagen und von dem reden, was „er“ (Gott) tut, sind keine „geschlechtlichen“ Aussagen über Gott. Es handelt sich von Anfang an nur um Bilder, um Symbole, um stammelnde Ausdrucksweisen. Ebenso, wenn in der Bibel von Gottes mütterlich-weiblichen Zügen die Rede ist. Auch das ist keine „geschlechtliche“ Aussage. All diese bildhaften Ausdrucksweisen stehen für Begriffe, stehen für Wesenseigenschaften Gottes. Zum Beispiel: Das Bild von Gott als „Vater“ steht im biblisch-traditionellen Sinn für schöpferisch-zeugende Aktivität, fürsorgliche Liebe und gute Autorität. Also keine knechtende, willkürliche Autorität, keine Unterdrückung im Sinne einer patriarchalisch-arroganten Männerherrschaft. Gemeint ist vielmehr ein maßgeblicher Einfluss, der mich liebevoll vor Abstürzen bewahren und mich immer weiter emporbringen möchte. Auch die „weiblich-mütterlichen Züge“ Gottes verbinden sich traditionell mit Liebe, besonders unter dem Gesichtspunkt eines bedingungslosen Akzeptierens von Menschen und einer intensiven, wärmenden, zärtlichen Nähe. Wir tun uns heute berechtigterweise schwer mit solchen festen traditionellen Begriffs-Zuordnungen wie etwa der Zuordnung von „aktiv“ und „Autorität“ zu „Mann/Vater“. Es gibt doch genug Männer ohne jede Autorität und umgekehrt genug starke, aktive Frauen mit Autorität! Gott hat sich nach jüdisch-christlicher Auffassung den Menschen mitgeteilt in ihrer ganz bestimmten Geschichte. Dazu gehören auch die überlieferten biblischen Bilder von Gott und die mit ihnen verbundenen Begriffe. Wenn wir im biblischen Sinn, im biblischen Bild von Gott als „Vater“ reden, dann sollten wir die ganze Spannweite des biblischen Vaterbildes durchhalten. Wer „Autorität“ und menschliche Verantwortlichkeit gegenüber dieser Autorität Gottes streicht, stellt sich gegen die biblischen Aussagen. Gleichzeitig erniedrigt er Gott zu einem Zerrbild nach eigenen menschlichen Vorstellungen, einem harmlos-armseligen Kuschelgott, einem mickrigen „lieben“ Gott, der immerfort ein Auge zudrückt. Oder: Wer „Liebe“ und „Befreiung“ streicht, stellt sich ebenfalls gegen die biblischen Aussagen. Und macht aus Gott einen dämonisch-lieblosen, seelenvergiftenden Willkürherrscher.
Worte aus der Bibel Gott sagt: Ich führe sie zu Bächen mit frischem Wasser, ich lasse sie auf gut gebahnten Wegen gehen, damit sie nicht stürzen. Denn ich bin ihr Vater. (Prophet Jeremia 31, 9) Warum, Gott, hältst du dich zurück? Schlägt dein Herz nicht mehr für uns? Ist deine Liebe erloschen? Du bist doch unser Vater. „Unser Erlöser“ - so hast du von jeher geheißen. Du bist unser Vater! Wir sind der Ton, und du bist der Töpfer! Wir alle sind Gefäße aus deiner Hand. Trag es uns nicht nach, dass wir gegen dich gesündigt haben! (Prophet Jesaja 63, 15.16; 64, 7.8) Gott spricht: Ich will euch trösten wie eine Mutter ihr Kind. (Prophet Jesaja 66, 13)
Indem die Bibel die „männliche“ Seite, die „Vater-Seite“ Gottes nachdrücklich betont, ohne die „weibliche“, die „mütterliche“ Seite darüber zu vergessen, kann sie uns vor (neu)„heidnischen“ Gottesvorstellungen bewahren. In vielen (neu)heidnischen Vorstellungen werden ausschließlich und in extremer Weise die „weibliche Züge“ des Göttlichen gesehen, also die intensive Nähe, das bedingungslose Akzeptieren. Das Göttliche ist der Welt so intensiv nahe, dass es mit ihr verschmilzt: Gott und Welt sind gleichzusetzen. Gott (oder „die Göttin“) ist eine Art nebulöser „Tiefe unseres Daseins“. Und Gott/Göttin verschwimmt ins Unpersönliche, wird zu einer mütterlich-liebevollen „Kraft“, zu einer „urmütterlichen“ „kosmischen Schwingung“. Der biblische Gott der Liebe ist dagegen nicht nur der Nahe, sondern auch der Ganz-Andere, der Ferne, der „Heilige“, die Autorität. Er ist nicht mit der Welt verschmolzen, sondern ein Gott, radikal anders als diese Welt, die er ins Dasein gerufen hat. Er ist ein persönlicher Gott, der sich den Menschen persönlich mitteilt, aktiv auf sie zugeht, sich ihnen „offenbart“. Er ist ein Gott, der die Autorität der Liebe besitzt, vor dem die Menschen Verantwortung tragen und der sie befreien will. Und auch dies ist wichtig: Unsere Gottesvorstellungen und Gottesbilder haben sich zwar an der Bibel zu orientieren. Aber: Manche biblischen Gottesbilder sagen dem einzelnen Menschen mehr zu, andere weniger. Wir können und sollten unter den vielen biblischen Bildern und Begriffen zu denen greifen, die uns wirklich zusagen – die mir ganz persönlich zusagen, die mir viel sagen, mit denen ich etwas anfangen kann. Außerdem: Einige biblisch überlieferten Bilder von Gott sind zwar „an sich“ sehr schön und leuchtend, haben aber im Lauf der Geschichte oder durch ganz persönliche lebensgeschichtliche Erfahrungen an Leuchtkraft verloren. Vielleicht sind sie sogar zum Angst erregenden oder zum erdrückenden Zerrbild geworden. Was bringt mir ein überliefertes Bild, wenn ich persönlich es als völlig blass, nichts sagend, womöglich sogar belastend empfinde? Zum Beispiel das vom göttlichen „Vater“, wenn ich den eigenen Vater als bedrohlich erlebt habe? Oder das Bild von den mütterlichen Zügen Gottes, wenn ich schlechte Erfahrungen mit erdrückender Mütterlichkeit gemacht habe? Dann bringen mich diese Bilder leicht von Gott weg. Ich kann den Versuch unternehmen, die ursprünglichen Farben wieder freizulegen. Also das gute, schöne Bild für mich wieder leuchten zu lassen und damit vom verfälschten Bild loszukommen. Dazu gehört möglicherweise die fachliche Hilfe eines seelsorglich und psychologisch geschulten Menschen - insbesondere bei einem Zerrbild, einer vergiftenden Gottesvorstellung. Wenn es mit der Reinigung nicht klappt, sollte ich dieses Bild, gerade bei einem Zerrbild, soweit wie möglich ignorieren. Stattdessen sollte ich zu Bildern greifen, die mir etwas sagen, die mich in positiver, befreiender Weise ansprechen. Wir können auswählen und biblische Gottesbilder benutzen, die uns in der momentanen Situation am ehesten zusagen. Und die Bilder liegen lassen (erst einmal oder vielleicht für immer), die uns weniger ansprechen. Das wechselt im Laufe eines Menschenlebens. Und wir können sogar für uns persönlich neue Gottesbilder ausdenken - unter der Bedingung, dass sie im biblischen Rahmen, im Rahmen des Wortes Gottes und der Selbstmitteilung Gottes bleiben und damit keine Zerrbilder werden. Wenn ich beispielsweise mit dem Bild „Gott als schützende Burg“ nichts anfangen kann, vielleicht ersetze ich „Burg“ dann einfach durch etwas, das ich persönlich als schützend empfinde, sei es „männlich“, „weiblich“ oder „neutral“. Und – nie vergessen: Es sind Bilder, nichts als bildliche Vorstellungen!
Uli Heuel
Siehe auch: 1. Gott - ein oft missbrauchtes Wort 2. Gott - der ganz andere 3. Bilder und Begriffe für Gott
© Verlag Herder Freiburg im Breisgau 2004 Text mit freundlicher Genehmigung des Verlages entnommen aus: Uli Heuel: „Woran Christen glauben – Das Kennenlernbuch für Neugierige“ Nachdruck - auch im Internet - nicht gestattet.
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