Alfred Delp schreibt aus dem Himmel zum Katholikentag
20 Mai 2012 (7. Sonntag in der Osterzeit)
"Lasst uns dem Leben trauen, weil wir es nicht mehr allein zu leben haben, sondern Gott es mit uns lebt."
Mit dem Motto des Katholikentags grüße ich dich, liebe Heike. Du staunst? Erstens über die zügige Antwort, zweitens über einen dir unbekannten Pater Delp und drittens, tja, drittens über das Motto. Da stimmt doch was nicht, sagst du und schaust vorsichtshalber auf das knallbunte Poster. „Einen neuen Aufbruch wagen“. Genau. Das ist Mannheim 2012. Ich aber zitiere meinen eigenen Text. Und dieser Satz wurde eines Tages zum Motto für einen Katholikentag. München 1984. „Dem Leben trauen, weil Gott es mit uns lebt“ Geschrieben an Weihnachten 1944. Mit gefesselten Händen in einer Gefängniszelle. Gerade mal 37 Jahre alt. Den Tod vor Augen. Wenige Wochen vor meiner Hinrichtung im Februar 1945 in Berlin-Plötzensee. "Lasst uns dem Leben trauen, weil wir es nicht mehr allein zu leben haben, sondern Gott es mit uns lebt."
Ich schreibe, weil ich gebürtiger Mannheimer bin. Und ich schreibe, weil mich dein Gebet, Heike, anrührt. Du bist für vier Tage Herbergsmutter. Ehrenamtlich. Deine Gäste sind zwei Abiturienten. Einer spielt Gitarre. Auch nachts, wenn sie heimkommen. Du wartest auf sie und lässt dir erzählen. Sie kommen immer voller Freude. Sie suchen sich nur Angebote aus, die ihrem Herzen gut tun. Keine Podiumsdiskussion, auch nicht mit der Bundeskanzlerin. Auch keines der aktuellen heißen Eisen interessieren sie. Kirchentage, Pilgerfahrten, Taizé: das sind unsere Kraftorte, sagen sie. Mindestens einmal im Jahr brauchen wir das. Und sonst? Sie wollen studieren. Theologie? Nein, Gott bewahre. Informatik der eine. Jura der andere. Fromme junge Leute, aber doch ziemlich anders. Wenn sie tagsüber aus dem Haus sind, machst du dir Gedanken über sie. Gedanken und Sorgen. Und deine Gedanken, Heike, deine Gedanken kommen gut rüber. Auch wenn sie von dir gar nicht als Gebet gedacht sind. Oder?
"Ich hätte da mal eine Frage...". So ähnlich beginnst du. "Diese beiden Jungs, also meine Gäste, die sind doch nicht ganz von dieser Welt, oder? Sie kommen nach Mannheim zum Beten und Singen. Nur zum Beten und Singen. Ist das normal in ihrem Alter? Und ist das überhaupt gesund? Du lieber Himmel, ich bin nicht so fromm. Seit unserer Scheidung bin ich allein. Und mit der Kirche stehe ich eigentlich auf Kriegsfuß. Aber weil ich in der Wohnung Platz habe, und weil ich gern mal wieder Gesellschaft habe... Hoffentlich kommen die beiden mit ihrem Leben später klar, mit dem harten Erwachsenenleben. Lieber Gott, behüte sie. Sie sind so wunderbar unverdorben. Wenn ich da an unsere Sprößlinge denke. Aber lassen wir das... Und ihre roten Rucksäcke. Klasse."
Deine beiden Gäste sind nicht ganz von dieser Welt. Richtig. Wir sind nie ganz von dieser Welt.
Wenn sie heute abreisen, also wieder einmal ihren neuen Aufbruch wagen, dann tragen sie vermutlich ein Evangelium im Herzen. Das Evangelium vom Tag. Johannes Kapitel 17, Verse 11-19.
Ich bin nicht mehr in der Welt, aber sie sind in der Welt, und ich gehe zu dir. Heiliger Vater, bewahre sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, damit sie eins sind wie wir.
Solange ich bei ihnen war, bewahrte ich sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast.
Und ich habe sie behütet, und keiner von ihnen ging verloren, außer dem Sohn des Verderbens, damit sich die Schrift erfüllt.
Aber jetzt gehe ich zu dir.
Doch dies rede ich noch in der Welt, damit sie meine Freude in Fülle in sich haben.
Ich habe ihnen dein Wort gegeben, und die Welt hat sie gehasst, weil sie nicht von der Welt sind, wie auch ich nicht von der Welt bin.
Ich bitte nicht, dass du sie aus der Welt nimmst, sondern dass du sie vor dem Bösen bewahrst.
Sie sind nicht von der Welt, wie auch ich nicht von der Welt bin.
Heilige sie in der Wahrheit; dein Wort ist Wahrheit.
Wie du mich in die Welt gesandt hast, so habe auch ich sie in die Welt gesandt.
Und ich heilige mich für sie, damit auch sie in der Wahrheit geheiligt sind...
Nicht von dieser Welt, aber eben mitten in der Welt. Und wenn's hart auf hart geht, sind wir nicht einmal vor dem Bösen bewahrt. Ich will dir hier nicht mein ganzes Leben erzählen. Nur so viel: Ich wurde im „Wöchnerinnenasyl Luisenheim“ in C 7 in Mannheim geboren und zwei Tage später von Kaplan Mutz in der Jesuitenkirche getauft. Papa evangelisch. Mama katholisch. Es war etwas kompliziert, aber ich ging meinen Weg. Stark kirchlich. Konvikt. Bund Neudeutschland. Abitur. Noviziat bei den Jesuiten. Philosophiestudium. Theologiestudium. Priesterweihe. Arbeiterseelsorger. Journalist bei den "Stimmen der Zeit". Ach, ich will nicht ins Detail gehen. Du kannst ja gut fragen. Wir waren damals entweder feig und angepasst, und ich will das nicht werten, oder tapfer und im Widerstand. Du kannst dir meine Geschichte so ähnlich wie die von Dietrich Bonhoeffer vorstellen. Ab 1942 arbeite ich im "Kreisauer Kreis" um Helmuth James Graf von Moltke mit. Am 28. Juli 1944 werde ich in München von der Gestapo verhaftet. Gefängnis, Verhör, Folterung. Verlegung nach Berlin. Tag und Nacht Handschellen. 1945 der Prozess. Am 2. Februar gehenkt am Fleischerhaken. Meine Asche haben sie auf den Berliner Rieselfeldern verstreut. Nein, ich war wirklich nicht von dieser Welt, und schon gar nicht von jener Welt des Dritten Reichs, aber eben mitten in der Welt.
Deine beiden Gäste sind noch jung. Mögen sie gesegnet sein. Vielleicht so wie am letzten Abend, also wieder mitten in der Nacht, als sie auf deinen Wunsch hin das irische Segenslied der Wise Guys sangen. Dir kamen die Tränen. Aber bei Kerzenlicht sieht man das nicht. Und wenn schon. Deine jungen Freunde hätten es wohl stark gefunden.
Möge die Straße uns zusammenführen
und der Wind in deinem Rücken sein.
Sanft falle Regen auf deine Felder
und warm auf dein Gesicht der Sonnenschein.
Und bis wir uns wiedersehen,
halte Gott dich fest in seiner Hand.
Bis wir uns 'mal wiedersehen,
hoffe ich, dass Gott dich nicht verlässt.
Er halte dich in seinen Händen,
doch drücke seine Faust dich nie zu fest.
Und bis wir uns wiedersehen,
halte Gott dich fest in seiner Hand.
Sie haben dir zum Abschied Blumen geschenkt. Extra noch rasch mit der Straßenbahn zum Paradeplatz und zurück. Maiglöckchen und Vergissmeinnicht. Und ihr habt euch fest umarmt. Und jedem hast du einen Kuss auf die Stirn gegeben. Auf die Stirn! Filmreife Szene. Die Jungs sind ja fast einen Kopf größer. Ich denke, das war dein Segen für sie. Dabei erinnere ich mich an einen meiner Briefe aus der Todeszelle.
„Wenn der Herrgott diesen Weg will, dann muss ich ihn freiwillig und ohne Erbitterung gehen. Es sollen einmal andere besser und glücklicher leben dürfen, weil wir gestorben sind. Wenn durch einen Menschen ein wenig mehr Liebe und Güte, ein wenig mehr Licht und Wahrheit in der Welt war, hat sein Leben einen Sinn gehabt..
Und auch die will ich nicht vergessen, denen ich Schuldner bleiben muss. Ich bin vielen vieles schuldig geblieben.
Denen ich weh getan, sie mögen mir verzeihen. Ich habe gebüßt.
Zu denen ich unwahr und unecht war, sie mögen mir verzeihen. Ich habe gebüßt.
Zu denen ich anmaßend und stolz und lieblos war, sie mögen mir verzeihen. Ich habe gebüßt.
O ja, in den Kellerstunden, in den Stunden der gefesselten Hände und des Geistes, da ist vieles zerbrochen. Da ist vieles ausgebrannt was nicht würdig und wertig genug war.
Und so will ich zum Schluss tun, was ich oft tat mit meinen gefesselten Händen und was ich tun werde, immer lieber und mehr, solange ich noch atmen darf: Segnen. Segnen Land und Volk, segnen die Kirche, segnen den Orden, segnen die Menschen, die mir geglaubt und vertraut haben; segnen die Menschen, denen ich unrecht tat, segnen alle, die mir gut waren.“
Sei nicht traurig, Heike, dass sie abreisen. Sie sind jung und müssen aufbrechen. Wenn die Kirche wieder jung ist, wird sie auch aufbrechen. Sie waren bei dir. Du hast Engel beherbergt. Ein echter Segen für dich.
Ich umarme dich. Dein Brieffreund im Himmel: Alfred Delp SJ