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Galileo Galilei, Forscher

Galileo Galileis Himmelsbrief zum Sonntag Jubilate (29. April 2012)

Wehrufe aus Niederbayern. Zerknautschte Gebete nach einem unseligen Streit im Jugendkreis. Sinngemäß etwa so: "Vater, du weißt, wir wollten eigentlich an diesem Sonntag den Gottesdienst gestalten. Du weißt auch: bei uns sind seit Jahren an Jubilate Jugendliche dran. JuJu nennen wir das und haben - nein, wir hatten - immer viel Freude dran. Geile Ideen. Starke Themen. Aber - jetzt kommt das Aber. Mit diesem Aber ging das Gestreite los. Ende vom Lied: wir machen's nicht. Kein JuJu 2012. Basta. Entweder, sagen die einen, nehmen wir einen anderen Bibeltext, der zum Thema passt, oder, sagen die anderen, wir pfeifen auf das Thema und lassen den Predigtext bitte genau so, wir er offiziell vorgesehen ist. Thema Gerechtigkeit. Schon wieder, sagen die, die dagegen sind. Schon wieder einer dieser Schlechtfühlgottesdienste. Geh lustig rein, komm traurig raus. Aber wir hätten doch unsere Band. Und klasse Lieder. Sogar eins von Michael Jackson. Und wir hätten das Kuchenspiel aufgeführt, wie es in der Arbeitshilfe beschrieben ist. Aber der Text, also dieser Text, nein, das geht nicht. Vertröstung auf Sankt Nimmerlein. Genau, wie es uns einige im Kirchenvorstand sowieso sagen. Bitte keine linken Themen, sondern was schönes Geistliches..."

Und das nun ist der umstrittene Predigttext. Zweiter Korintherbrief, viertes Kapitel, Verse 16-18: Darum werden wir nicht müde; sondern wenn auch unser äußerer Mensch verfällt, so wird doch der innere von Tag zu Tag erneuert. Denn unsre Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit, uns, die wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. Denn was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig.

Und wo bitte liegt das Problem? Natürlich lebt ihr im Zeitlichen und seht das Sichtbare. Wozu sonst habt ihr Augen im Kopf! Wenn Gott das nicht gewollt hätte, wärt ihr alle blind erschaffen worden. Oder wenigstens kurzsichtig. Und die bunten Farben und Formen, wozu, wenn es im Leben nur um das Unsichtbare ginge? Ich fühle mich durchaus kompetent für diesen Brief. Einst blickte ich himmelwärts. Nun erdenwärts. Damals ging es mir um optimale Weitsicht. Möglichst weit, bis an die Grenzen unseres Universums. Mit geschliffenem Glas und geschliffenem Verstand. Ich weiß es wie heute. Padua, 7. Januar 1610. Zum ersten Mal schaue ich zum Himmel hoch durch mein selbst gebasteltes Fernrohr. Ihr habt viel von mir gehört: Galileo Galilei, Italiener, Professor der Mathematik. Dabei war ich gar nicht der Erfinder des Fernrohrs, wohl aber international erfolgreich. Es war eine Zeit großer Entdeckungen, und wir durften stolz darauf sein. Ich will jetzt gar nicht auf meinen berühmten "Fall" eingehen. Leute wie ich bekamen damals - nur damals? - Ärger mit der Kirche. Das ist ein eigenes Kapitel. Ich schreibe euch den Himmelsbrief im Namen aller Wissenschaftler, besonders der Weitsichtigen. Denn unser Feld war immer das Sichtbare, sogar das Sichtbare des Unsichtbaren. Eben dazu konstruierten wir Fernrohre, Mikroskope und was nicht sonst noch alles.

Genau hinschauen, ganz genau. Augen auf. So weit es eben geht. Und immer noch etwas weiter. Aber keiner von uns hat dabei je Gott gesehen. Jedenfalls nicht mit diesen unseren Instrumenten. Nicht mit diesen unseren Augen. Nicht in diesen unseren menschlichen Grenzen. Doch wollten wir nicht blind und unwissend bleiben, sondern immer mehr verstehen, immer besser durchblicken. Dass aber auch das Unsichtbare um uns ist, unendlich viel größer, geheimnisvoll, erregend fern: wir ahnten es, wir wussten es. Sichtbares und Unsichtbares also. Keine Gegensätze. Kein Widerspruch.

Ihr zögert mit eurem JuJU, weil ihr diesen Text - von Paulus, nicht wahr? - meines Erachtens falsch versteht. Ich finde ihn geradezu aufregend gut für euer Thema. Denn zuerst - vielleicht ein ganzes Forscherleben lang - machen wir unsere Augen auf so weit es geht, so gut es geht. Und wir schauen sie uns ganz genau an, diese Welt in ihrer Schönheit und in ihrem Elend, in ihrem Glanz und in ihrem Jammer. Ihr selbst lebt im deutschen Wohlstand und werdet vermutlich - wenigstens mit Texten und Bildern - in entfernte Hungergebiete der Erde schauen. In die Sahelzone vielleicht. Zahlen und Statistiken, Erlebnisprotokolle und Erzählungen werdet ihr anschaulich machen, und mancher wird womöglich angestiftet, einige Jahre selber Dienst zu tun in einem Projekt. Misereor, Diakonie, Caritas, Brot für die Welt, Welthungerhilfe... Ihr könnt euch denken: das waren ja nun gar nicht meine Themen, damals in Italien. Nur der klare Wille, möglichst genau und vorurteilsfrei hinzusehen, nur das ist es, was mich euch schreiben und ermutigen lässt.

Und dann entdeckt ihr - mitten in aller Trübsal auf Erden, mitten im Verfall - die unsichtbare Herrlichkeit, von der der Text spricht. Als ich durch mein Fernrohr schaute, entdeckte ich die Gebirgslandschaft des Mondes. Ich sah seine Falten und Risse. Der Mond war ein Körper wie die Erde und war keine perfekte Kugel. Ich sah die Sterne der Milchstraße und vier Monde, die um den Jupiter kreisen... Ich sah und ahnte, ich ahnte und staunte. Sichtbares und Unsichtbares? Vielleicht gab uns Gott verschiedene Augen dafür. Vielleicht sind es sogar dieselben Augen. Wer weiß. Ich weiß es nicht.

Als Forscher und Naturwissenschaftler will ich lieber einigen meiner himmlischen Nachbarn das Wort geben. Sie mögen mir - für euch - gute Worte beisteuern. Und sie tun es gern und reichlich.

Zum Beispiel - ganz versonnen - Rainer Maria Rilke (1875-1926):
Wie ist doch alles weit ins Bild gerückt.
Wir staunens an und nennen es: das Wahre.
Und wandeln uns mit ihm im Gang der Jahre.
Und doch ist unsichtbar, was uns entzückt.
Drum sorge nicht, ob du etwa verlörst.
Das Herz reicht weiter als die letzte Ferne.
Wenn du die eigne Stimme steigen hörst,
so singt die Welt, so klingen deine Sterne.


Oder die liebe Hilde Domin (1909-2006) in einem Lied zur Ermutigung: Vertrauen,
dieses schwerste ABC.

Ich mache
ein kleines Zeichen
in die Luft,
unsichtbar,
wo die neue Stadt beginnt,
Jerusalem
die goldene,
aus Nichts.


Und nicht zuletzt euer aufrechter Dietrich Bonhoeffer (1906-1945) im berühmten Gedicht "Von guten Mächten":
Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
So lass uns hören jenen vollen Klang
Der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
All deiner Kinder hohen Lobgesang.

Lasst euch also nicht einreden, das Sichtbare und das Unsichtbare seien feindliche Gegensätze. Sie sind füreinander da. Sie helfen einander weiter. Himmelwärts und erdenwärts.

Wie alle Forscher bin ich neugierig, ob ihr jetzt doch noch - beherzt und versöhnt - zu eurem interessanten Gerechtigkeits-JuJu findet.

Euer Brieffreund im Himmel: Galileo
PS Und vergesst mir trotz allem Genörgel das Jubeln nicht.
Am Sonntag Jubilate!