Ich halte dich.
- Gott
Es fing schon sehr früh in unserem Leben an, dass wir gehalten wurden. Erst drehten wir uns auf der ausgebreiteten Decke oder dem Teppich munter wie ein Knäuel Leben. Als wir erste Schritte versuchten, stürzten wir oft und liefen vor Tisch- und Stuhlbeine. Doch begann ganz langsam der "aufrechte Gang" wie ihn der Philosoph Ernst Bloch nannte. Richtig schön wurde es, als wir am Zeigefinger der Mutter oder des Vaters beim Spaziergang dabei sein durften. Immer von oben gehalten, anders ging es noch nicht.
Als wir dann später den Weg ins volle Leben antraten, wollten wir ganz frei sein. Wir emanzipierten uns von den Autoritäten der Jugend, wurden nach Schule, Lehre, Studium Beamte, Handwerker, Mütter und Väter, vielleicht sogar Unternehmer. Zunächst lebten wir noch in einem Kinderglauben, in dem wir vom „lieben Gott“ sprachen und sogar ein paar Gebete kannten. Doch die angestrebte Freiheit des Denkens und Existierens nahm immer mehr Formen an. „Der da oben“ wurde uns immer fraglicher. Wir waren nicht naiv, sondern gebildet.
Doch es kamen Krisen. Die Ehe scheiterte, die Kinder protestierten gegen die Eltern, die Eltern verstanden ihre Kinder nicht mehr. Schließlich kam die Bankenkrise und dann die Weltwirtschaftskrise, in der wir gerade stecken. Was soll noch werden? So rollen oder rasen wir über die Autobahn des Lebens, die Termine überholen uns. Und plötzlich liest man irgendwo „Ich halte dich. - Gott.“
weiter