Wen würden wir wählen, wenn wir zu wählen hätten? Als Freund, als Kollegen, als Lebenspartner? Einen Schwätzer, einen Fiesling, einen Versager, einen Kriminellen, einen „Casanova“? Nein, ganz gewiss nicht. Wir sind bei unserem Wählen sorgfältig und gründlich.
Und Gott? Gott hat uns gewählt? Er könnte doch die ganze Weltgesellschaft abräumen. Wie eine Firma, die mit schwerem Gerät ganze Häuserzeilen abreißt und Platz für Neues schafft. Was hat seine Menschheit ihm doch alles angetan? Und die Religionen gleich dazu. Fast alle Kriege in den letzten Jahrzehnten waren Religionskriege. Aber warum in die Ferne schweifen, sehen wir unser Leben doch einmal im Spiegel der Wahrhaftigkeit an. Wir könnten aufzählen, was wir in uns und um uns zerbrochen, verachtet, ignoriert und gegen alle Zehn Gebote und also auch gegen alle Vernunft angerichtet haben.
Solche Menschen wie ich einer bin, solche Versager, die sollte Gott gewählt haben? Unglaublich aber wahr, er hat mich und dich und uns und alle Menschen auf unserer Erde gewählt. Er weiß, was er mit seiner Entscheidung getan hat. Er ist nicht der blinde und hörschwache Opa, der im Sessel am Ofen sitzt. Er ist immer noch der heilige Gott, da gibt es nichts zu verschleiern. Doch dieser eine und einzigartige Gott hat uns treulose Geschöpfe gewählt. „Gott ist verrückt vor Liebe.“ So lese ich es in: „Das Buch von der Liebe“ des Ernesto Cardenal, dem Priester, Dichter, Revolutionär und Politiker Nicaraguas.
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