Der Triumph
der Sünde
Es ist ein ganz normaler Montagmorgen. Nach meiner Gewohnheit gehe ich an den Briefkasten, schließe das kleine Türchen auf, greife nach der Post, sehe den SPIEGEL, lese den Titel und denk‘, mich tritt ein Pferd. Da steht über dem Portrait einer zarten, etwas blässlichen Dame: „Triumph der Sünde. Von Wollust, Habgier und anderen Versuchungen.“ Die Dame ist deutlich müde und abgeschlafft.
Der für seine neckischen bis frechen, doch stets klugen Veröffentlichungen bekannte Autor dieser Spiegel-Titelstory, Matthias Matussek, beschimpft darin jedoch nicht das Böse in der Welt. Im ironischen Ton bedauert er, dass die Sünde sich nun selbst übertroffen hat: Sie hat sich abgeschafft. Das also ist der „Triumph der Sünde.“ Man nimmt sie als solche nicht mehr zur Kenntnis. Sie habe „kein metaphysisches Gewicht mehr.“ Sie wurde einfach aus der Verantwortung vor Gott gelöst und lebt nun heiter weiter, wie es scheint. Matussek ist praktizierender Katholik und bezeugt, dass er bis heute regelmäßig seine Sünden beichtet. Das sei „entlastender, als auf die ganz große Schlussabrechnung durch einen gnädigen Gott zu warten, wie es Protestanten tun.“
Der Autor hat sich höchst kundig den im Titel genannten Sünden zugewandt. Er öffnet alle Keller und dunklen Hinterzimmer. Wie ein Pathologe bei der Obduktion einer Leiche, mit der er die Ursache des Sterbens ermitteln soll. Alles ist vorhanden, doch es wird außer „Missbrauch und Mord“ nichts mehr ernst genommen. Denn wenn man nicht an Gott glaubt, wenn man ihn abgeschafft hat, kann man tun, was man will. Die Sünde siegt über die Sünde, weil sie so tut, als sei sie nicht vorhanden.
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