Als Jesus sah, dass sie folgten, fragte er: Was wollt ihr? Sie sagten: Wo wohnst du? Er aber antwortete: Kommt und seht! »weiterlesen


Für alle, die unterwegs sind.


"Keine Gewalt!"

Im Oktober 1989 wurde die Nikolaikirche in Leipzig zum Symbol der Friedlichen Revolution. Schon lange vorher hatten dort Entwicklungen begonnen, die im Herbst 1989 zur „Wende“ führten.
Eine Schlüsselfigur bei diesen Ereignissen war der damalige Pfarrer der Nikolaikirche in Leipzig, Christian Führer (1943 – 2014). Er selbst sagte später, dass die Wirkung der „Montagsgebete“ in seiner Kirche so nicht vorhersehbar waren. In einem Interview mit dem Tagesspiegel (vom 2. 1. 2009) beschrieb er die „Akteure“: 

„Diese Massen waren so unchristlich erzogen – bei den Nazis mit Herrenrassendünkel und Kriegsvorbereitung, in der DDR mit Klassenkampf und Feindbild und der These, dass das Gefasel von der Gewaltlosigkeit gefährlicher Idealismus sei. Die Panzer-Ecke im Kindergarten galt als Friedenserziehung. Und nun nahmen die so erzogenen Menschen die Botschaft der Bergpredigt auf und erkannten sie als Chance. Mit diesem Mut gingen sie aus der Nikolaikirche heraus und fassten die Botschaft Jesu in die zwei Worte: Keine Gewalt. Das ist ein ungeheurer Vorgang. Kein Pfarrer, kein Bischof, kein Theologieprofessor hat es erfunden.“

Und er sagte, was ihm dabei half: „Damals war ein Wort aus dem Hebräerbrief für mich sehr wichtig: Wir gehören nicht zu denen, die zurückweichen und verloren gehen, sondern zu denen, die glauben und das Leben gewinnen.“

Auf Gewalt war die DDR-Führung vorbereitet. 8.000 Polizisten standen bereit, um den Demonstrationszug aufzulösen. Doch die Demonstranten blieben friedlich und gewaltlos. Damit hatte die Staatsmacht nicht gerechnet. Volkskammer-Präsident Sindermann fasste das später so zusammen:
„Wir waren auf alles vorbereitet, nur nicht auf Kerzen und Gebete.“

Die Macht der Gewaltlosigkeit

„Ich glaube, dass Gewaltlosigkeit der Gewalt himmelhoch überlegen ist, dass Vergebung männlicher ist als Vergelten.“ So Gandhi, der am 30. Januar 1984 auf einer Straße in Delhi von einem Terroristen erschossen wurde. Doch im Sterben auf der Straße vergab er noch hörbar seinem Mörder. Gandhi, ein Prophet der Gewaltlosigkeit, von dem Martin Luther King jun., der amerikanische Freiheitskämpfer viel gelernt hatte.

Doch jetzt von ganz oben auf unsere Ebene heruntergeholt: Was kann der mit eigenem Blut unterschriebene Satz des Inders für junge und schon ältere Menschen im 21. Jahrhundert hier in Deutschland bedeuten? Der Gedanke der Gewaltlosigkeit kommt aus der Bergpredigt Jesu. „Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen.“ (Matthäus 5, 44) Gandhi kannte das Neue Testament. Sind wir Christen, können wir mit der Vergebung beginnen. Da sind wir mitten im Alltag unseres Lebens, gleich wer und wo und was wir sind.

Ein Lehrer hat einen Schüler, eine Schülerin gekränkt, er oder sie vergeben ihm still in ihren Herzen. Oder umgekehrt, der Lehrer wird von einer Clique in der Klasse deutlich missachtet, doch er hält seine friedliche Gesinnung durch. Vergebung ist stärker als Vergelten. Männlicher mag ich nicht sagen, denn es gibt starke Frauen, die ihren Männern tapfer viel vergeben. Wer vergibt, gibt das Gemeine und Falsche nicht zurück. Er durchbricht den zerstörenden Kreislauf. So kann man in alle Bereiche des Lebens gehen und sich vom Geist der Versöhnung infiziert „gewaltfrei“ verhalten. Was beten die Christen? „Und vergib uns unsere Schuld wie wir vergeben unseren Schuldigern.“ Wer etwas von der Vergebung seiner Schuld durch Gott weiß, kann sie weitergeben an Menschen, die an ihm schuldig geworden sind. Gandhi war kein Christ. Er handelte wie ein Christ. Und berief sich dabei auf Jesus. Wir überlassen ihn am besten Gott selbst. Wir aber können bewusst Christen werden und sein. Unser Leben kann mitten im Leben noch einmal ganz neu beginnen.

Johannes Hansen