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Es geht um die Lebenswende, wir können hinter uns lassen, was uns von Gott trennte und unser Leben ganz neu anfangen.

"Bekehrung"

Das Wort Bekehrung gehört zum wichtigsten Wortbestand der Bibel und stand - wie bei den Propheten - so auch bei Jesus im Zentrum der Predigt. Doch da war nichts von Fanatismus und Entwürdigung des Menschen, es ging voll um ein befreites Leben. In der bewussten Bindung an Gott treten wir ein in das Reich der Freiheit. So geht es weiter bis heute.

Meine Mutter – Gott hab sie selig – hatte eine Allergie gegen Primeln. Kam sie auch nur entfernt mit dem Blütenstaub einer Primel in Berührung, wurde ihr ganzes Gesicht rot und heiß. Die Allergie klang erst nach Tagen wieder ab. Damals fehlten noch die heute wirksamen Medikamente. Kam unsere Mutter in ein Haus, in dem sie eine Primel sah oder vermutete, wurde sie nervös, oft auch laut und verließ sozusagen fluchtartig das Gelände. Wir Kinder schämten uns manchmal für unsere Mutter, doch wir verstanden sie auch, wenn wir an ihre lästige Erkrankung dachten.

Wie es Mutter mit der Primel ging, ergeht es vielen, wenn sie bestimmte Worte der Bibel und des Glaubens hören. Sie bekommen sozusagen eine seelische und geistige Allergie und setzen sich ab. Die Worte „Buße“ und „Bekehrung“ haben in dieser Kategorie absoluten Vorrang. 

Ich habe viel Verständnis für diese Reaktion, wenn sie in die Nähe überanstrengter Christen kommen, die es leider zu allen Zeit gegeben hat. Ich meine damit nicht jene, die entschlossen zu ihrem Glauben stehen und auch andere zum Glauben ermutigen. Der Apostel Paulus gebrauchte jedoch harte Worte für die Verdreher des Glaubens. „Nehmt euch in acht vor den Hunden, nehmt euch in acht vor den böswilligen Arbeitern“ riet er der Gemeinde in Philippi. Deutliche Worte. Er schreibt in seinem Brief an die Galatischen Gemeinden von „falschen Brüdern“, die sich eingeschlichen haben und den Glauben fundamentalistisch verseuchen. Sie stellen Forderungen auf, die von der Lehre des Evangeliums nicht gedeckt sind. Sie wollten die Christen zu ihrer Art des Glaubens bekehren. Der Test bei allen sektiererischen Bewegungen und Lehren ist die Frage, ob die Menschenwürde gewahrt bleibt, ob Menschen in die Freiheit geführt werden, oder sich unterwerfen sollen. 

Das Wort Bekehrung gehört zum wichtigsten Wortbestand der Bibel und stand - wie bei den Propheten - so auch bei Jesus im Zentrum der Predigt. Doch da war nichts von Fanatismus und Entwürdigung des Menschen, es ging voll um ein befreites Leben. In der bewussten Bindung an Gott treten wir ein in das Reich der Freiheit. So geht es weiter bis heute. 

Um es auf den Punkt zu bringen, zitiere ich einen Kurzbericht über das Wirken von Jesus und den Kern seiner Botschaft. Am Anfang des Markus-Evangeliums, das ich wegen seiner präzisen Formulierungen besonders schätze, steht: „Nachdem aber Johannes (der Täufer) gefangen gesetzt war, kam Jesus nach Galiläa und predigte das Evangelium Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Kehrt um und glaubt an das Evangelium.“ (Markus 1, 14 – 15 )
 
Ein faszinierender Bericht, man muss genau hinschauen. Nachdem Johannes, der Vorläufer Jesu gefangen genommen war und zur Belustigung einer Gesellschaft am Hofe des Herodes grausam enthauptet wurde, kam Jesus nach Galiläa und predigte die „Freudenbotschaft Gottes“. Er predigte nicht die Rache und den Zorn Gottes, sondern die absolut erfreuliche Nachricht von der Zuwendung Gottes zu seiner abgedrehten und durchgedrehten Menschheit. Das ist die Feindesliebe Gottes. Wir sehen sie am Kreuz, an dem Jesus Christus für uns stirbt und wir hören sie in den Worten des Evangeliums. „Als wir noch Feinde waren“, schreibt der große Theologe Paulus, wurden wir „durch den Tod seines Sohnes“ bereits mit Gott versöhnt. Dieses Ereignis ist die Basis für die Wiedervereinigung der Welt und jedes Menschen mit Gott. 

So wird aus dem Reizwort „Bekehrung“ ein gutes und spannendes Wort. Da ist nichts, was uns ärgern müsste, da ist alles gut und erfreulich. Es geht um die Lebenswende, wir können hinter uns lassen, was uns von Gott trennte und unser Leben ganz neu anfangen. Das Neue Testament spricht wortwörtlich von „neuen Menschen“, die so geboren werden. Gott sucht uns, bis er uns findet. Er freut sich über unsere Rückkehr wie der Vater in der Geschichte von der Heimkehr des „verlorenen Sohnes“ Das alles meint die Bibel übrigens auch mit dem Wort „Buße“. Da gibt es nichts mehr zu büßen, denn Christus hat alles am Kreuz für uns abgearbeitet. Er hat bitter gebüßt für uns, darum können wir Buße tun. Das heißt gewiss auch, dass ich mich heulend schämen kann vor Gott, doch schon kann ich lachen und fröhlich sein. Wie der „verlorene Sohn“, dem der Vater die Tränen von den Backen küsste, als er endlich aus der Fremde wieder nach Hause kam. Und dann begann das große Fest. Die Musik spielte auf und die Tische bogen sich.

Der fabelhafte katholische Theologe Johann Baptist Metz schreibt in begeisternden Worten von der „Umkehr der Herzen“, ohne die der christliche Glaube nur Papier bleibt. Im Herzen, der Mitte der Existenz, beginnt das neue Leben. Und es breitet sich aus in alle Bereiche unseres Alltags. Nur so macht der Glaube Spaß, alles andere ist langweilig.     

Johannes Hansen