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Da krähte der Hahn…

Ach, war der Mann stark. Imponierend, echt männlich, konsequent und prinzipientreu. Gemeint ist Petrus, der starke Mann in der Gefolgschaft der Zwölf, die ganz eng zu Jesus gehörten. Er war sozusagen der Alphatyp, der Dominierende  in der Jüngerschaft, die Jesus berufen hatte. Die negative Konsequenz kam mitten im Prozess gegen Jesus brutal heraus. Während man Jesus zur Verhandlung, die  eine schreckliche Entwürdigung war, in das Haus des Hohenpriester gebracht hatte und ihm dort niemand beistand, hatte er sich ganz heimlich still und leise in den Hof des Hauses geschlichen. 

Kein anderer der Jünger, doch natürlich er. Er wollte wieder ganz vorne dabei sein. Doch wollte er es wirklich? Ganz nahe bei Jesus sein, hieß hier in großer Gefahr sein, doch er kriegte auch jetzt wieder die Kurve. Die Soldaten zündeten ein Lagerfeuer an, warm und romantisch. Auch Frauen waren dabei. Die Bräute. Eine erkannte ihn, sie hatte ihn ganz nahe bei Jesus gesehen. „Dieser war auch mit ihm.“ Doch Petrus blieb ganz cool. „Frau, ich kenne ihn nicht.“ Nach kurzer Zeit sagte wieder jemand: „Du bist auch einer von denen.“ Er reagierte erneut mit Coolness: „Mensch, ich bin’s nicht.“ Doch man spürt schon die wachsende Erregung. Eine Stunde verging am knisternden Feuer, da sagte es ein Dritter unüberhörbar: „Wahrhaftig, dieser war auch mit ihm; denn er ist ein Galiläer.“ Er sprach einen Dialekt, der wie bayerisch in Hamburg klang. Auch Jesus von Nazareth kam aus dieser Gegend, die stets unter Verdacht stand, weil dort die Widerständler wohnten, die Zeloten. 

Nun war es also heraus. „Da krähte der Hahn“ und Simon Petrus erinnerte sich an das Wort Jesu: „Ehe der Hahn heute kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.“ Wie hatte er doch widersprochen: Ich? Und wenn dich alle verlassen, ich doch nicht. Und Jesus wandte sich von der offenen Halle aus zu ihm hin. Diesen Blick hat nur einer gesehen und wohl nie mehr vergessen, der stolze arme Petrus. Das war kein böser Blick, er war nach allem, was wir von Jesus wissen, ein Blick tiefer Liebe und Freundschaft, doch auch voller Traurigkeit. 

Der Bericht schließt mit einem Satz, der mich immer neu voll trifft, wen denn nicht? „Und Petrus ging hinaus und weinte bitterlich.“

Verleugnung ist mehr als eine Lüge. „Ich kenne diesen Menschen nicht“, das ist Verleugnung. Ich hatte und habe nichts mit ihm zu tun. Dieser Jesus ist mir fremd. Und er war doch immer ganz nahe bei ihm gewesen. Sie hatten die Nächte unter dem warmen Himmel mit ihm geteilt. Miteinander gegessen, geschwitzt und gefroren. Petrus hatte die Taten dieses Jesus von Nazareth voll erlebt. Und seine Reden von der Macht der Liebe. Er war dabei, als Jesus die Worte auf dem Berg sprach, die niemand mehr auslöschen kann. „Selig sind die reinen (klaren) Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.“

Diese Geschichte trifft mitten ins Herz der Kirchen und der Christen. Doch auch die freundlich oder kritisch Distanzierten können hier nachdenklich werden. Das ist jener „religiöse Atheismus“ wie ihn der katholische Theologe Heribert Mühlen genannt hat. An Gott glauben, sich zu Jesus halten. Und dann doch Lebenslügen, die alles kaputt machen können. Nur gut, dass wir Menschen vor Gott weinen können. Mit echten Tränen, doch auch trocken ohne Tränen, ganz nach innen. Wer tief traurig über sich selbst wird, darf schon hier erfahren, was Vergebung ist. Sie kommt direkt vom Kreuz Christi herab zu uns. „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“

Johannes Hansen