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Johannes Hansen

Das Problem der Toleranz 

Natürlich sind wir tolerant, was denn sonst? Wir akzeptieren jede Meinung und Lebensauffassung. Aus Prinzip. Leicht gesagt und ungeprüft. Da muss man genauer werden. Aus Prinzip tolerant sein, kann lebensgefährliche Folgen haben. Wenn alles richtig und gleich wichtig ist, ist schließlich nichts mehr richtig und wichtig. Alles löst sich auf wie der Schnee in der Sonne. Das hohe ethische Gut der Toleranz gegenüber Andersdenkenden und Anderslebenden muss mit Vernunft und Verstand und gewiss auch im Glauben gepflegt und gelebt werden. Es darf nicht sein, dass jemand sich tolerant nennt, weil er keine eigenen Überzeugungen hat und sich im Leben nur schlecht auskennt. Also aus Bequemlichkeit und Denkfaulheit tolerant. „Zum Kotzen“, sagt einer meiner Freunde da. Toleranz ist kein Wackelpudding. 

Toleranz kommt vom lateinischen Verb tolerare und bedeutet „ertragen“, „erdulden“, „aushalten“ oder auch „zulassen“. Wenn einer wirklich denkt und bewusst lebt, wird ihm bald klar, dass Toleranz in einem gesetzlichen und ethischen Rahmen verantwortet werden muss. Es ist absolut nicht intolerant, wenn jemand antisemitischen Sprüchen und Witzen hart widerspricht. Verantwortlich lebende Menschen in unserem Land werden nazistische Tendenzen und Parolen nicht tolerieren. Ich bin absolut nicht tolerant, wenn pädiophile Männer kleine Kinder missbrauchen. Übrigens, alles, was Böse ist und gegen die Gesetze geht, ist nicht zu tolerieren. 

Nach diesen Klarstellungen, die noch erweitert werden können, nun zur Toleranz im guten Sinne des Wortes und der ethischen Verpflichtung. Wenn jemand einen anderen Glauben hat, begegne ich ihm mit Toleranz. Was nicht bedeutet, dass ich meine spirituelle Überzeugung verschweige. Ich werde ihm redlich und freundlich das Gespräch anbieten. Und ihn nicht bedrängen, sondern ihm zuhören. Oft praktiziert mit guten Erfahrungen. Für Christen geht es hier um Wahrhaftigkeit in Liebe. Ähnlich gilt es für unterschiedliche politische Überzeugungen und Meinungen über gesellschaftliche Vorgänge. Zur Wahrhaftigkeit gehört auch, dass man um die Wahrheit kämpfen kann. Es muss nicht intolerant sein, sich zu streiten. Die Wahrheit ist zu kostbar, als dass man sie für selbstverständlich hält. Doch ich muss dabei auch hören und mich in Frage stellen lassen können. Ein Zeuge Jesu sein heißt in seiner Urbedeutung, dass jemand mit Leib und Leben für die erkannte „Wahrheit des Evangeliums“ einsteht. Doch das hat nichts mit Fundamentalismus und Fanatismus zu tun. Wer seine innerste Überzeugung einfach wegwirft, kann kein überzeugendes Gegenüber mehr sein. 

Aber ist „das Christentum“ nicht im Kern intolerant? Bekennt sich dieser Glaube nicht zur Exklusivität Christi als des Heilandes aller Menschen auf dieser Erde? Ja, das tut er, aber nicht in Verachtung und Geringschätzung anderer Überzeugungen. Respekt gegenüber dem Anderen ist Wesen des Glaubens an Jesus Christus. Er selbst war kein aufgeregter Fanatiker, sondern ein mutiger Mann und Freund der Verachteten und religiös Ausgegrenzten. Er sprach liebevoll über den „barmherzigen Samariter“, der damals ein „Heide“ war und dem Verletzten am Wege half. Die Jesusbotschaft ist das „absolute Angebot“ Gottes an die Menschheit. 

Am Kreuz betete Jesus für seine Mörder und die brüllende Menge unter ihm: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Null Verachtung, sondern Liebe. Toleranz heißt tragen, ertragen, erdulden. Worte, die zu Jesus passen, doch er handelte aus Erbarmen. Er trug unsere Schuld hinweg – ein Urbekenntnis der Christenheit. Christen müssen jeden Menschen als Geschöpf Gottes und einen von Gott geliebten Menschen ansehen.   

Johannes Hansen