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Der Skandal des Kreuzestodes Jesu

Das erste optische Bild von Jesus, dem gekreuzigten Gottessohn, ist ausgerechnet eine Karikatur. Man fand sie als ein Graffito in der Wand eines Gymnasiums auf dem Palatin in Rom, in dem begabte Sklaven für den Dienst am kaiserlichen Hof ausgebildet wurden. Es hängt eine Menschengestalt mit einem Eselskopf am Kreuz und daneben steht griechisch in die Wand gekratzt die Verspottung eines vermutlich jungen Christen unter den Studierenden: „Alexamenos betet seinen Gott an.“ Du hast einen total idiotischen Gott, will die Karikatur sagen, deine Religion ist ein Nonsens, ein Unsinn. 

Wie genau hat doch der erste Darsteller des Kreuzes Christi den Kern des Problems getroffen. Lassen wir den Eselskopf weg, ist die Schmiererei tatsächlich eine Darstellung des Kreuzes. Auch die Verhöhnung ist historisch verantwortbar. Der Gekreuzigte wurde zu allen Zeiten verspottet und verachtet. Auch diese Hinrichtung wurde als Volksfest erlebt und man spottete kräftig. „Den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit“, sagt Paulus. Ein Skandal und ein Blödsinn war das „Wort vom Kreuz“ für die frommen Juden und die gebildeten Griechen. Unglaublich, Gott hat sich nicht nur im zarten Kind in der Krippe von Bethlehem für uns von Gott getrennten Menschen „offenbart“, gezeigt, bekannt gemacht, sondern auch in dem wie ein Verbrecher hingerichteten Jesus am Kreuz draußen vor der heiligen Stadt. Das Kind konnte ja noch als lieblich verstanden werden, doch ein kaputter gekreuzigter Jesus als Zeichen der grenzenlosen Liebe Gottes, das war wohl doch reichlich übertrieben und in keinem religiösen Denksystem unterzubringen. 

Gott in Christus am Kreuz. Kein Spötter konnte jemals darauf kommen, dass dies der zentrale Inhalt der Befreiungsbotschaft des Evangeliums ist. Evangelium heißt Freudenbotschaft. Am Kreuz Christi hat Gott die Schuld der ganzen Menschheit von Adam und Eva an abgeladen. Er hat sie auf Jesus Christus gepackt. Er ist ganz tief nach unten gekommen, tiefer ging es nicht mehr, um uns frei zu machen und heim zu holen. Wer das glaubt, wird selig. Wirklich, echt, so ist es. Unglaublich und doch wahr. 

Und wir im 21.Jahrhundert? Wir tragen das Bild des Gekreuzigten am Kettchen um den zarten Hals. Es diente immer wieder als Symbol der Ehrung, ob auf Orden und Ehrenzeichen, oder auch passend in Kirchen und unpassend in Gerichtssälen. Wir haben das absolut nicht göttlich-schöne Bild des hingerichteten Jesus bei uns eingeordnet, es in das Museum für religiöse Altertümer gestellt und damit für den Glauben gefährlich demoliert. Das Kreuz und die Kreuzesbotschaft müssen ihre provozierende Fremdheit behalten. Das ist doch der Kern ihrer Wahrheit. So tief und radikal kam Gott zu uns in die Welt. 

Muss man am Karfreitag traurig sein? Nein, es ist ein Befreiungstag, ein Fest der Liebe Gottes. Doch ganz ehrlich werden vor Gott, sich als schuldig vor Gott bekennen, das passt präzise zu diesem Tag. Die römisch katholische Kirche betont schon in der Passionszeit das Ostern der Auferstehung Christi. Das ist gut so, wenn damit nicht „das Wort vom Kreuz“ ausgeblendet wird. Ich komme unter das Kreuz, beuge mich und freue mich. Mit der ganzen Christenheit und allen, die noch dorthin kommen werden.  

Johannes Hansen