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Johannes Hansen
Gott los werden ist schwer

Warum wird der Mensch Gott nicht los? Man kriegt ihn einfach nicht raus aus seinen Gedanken und Gefühlen. Etwa weil Ludwig Feuerbachs (1804 1872) Projektionstheorie stimmt? Nach der wir unsere verborgenen Sehnsüchte nach Schutz und Geborgenheit sozusagen gegen die Himmelswand projizieren und das Ergebnis Gott nennen? Kino in der eigenen Seele? Wenn es aber ganz anders wäre oder ist?

Der amerikanische Psychologe und Theologe James W. Fowler sagt etwas dramatisch anderes. Der international bekannte Wissenschaftler der Bildungswissenschaften verbindet psychologische und theologische Erkenntnisse über die Entwicklung des Glaubens und wagt eine These, die ich bisher noch nie so gehört und gelesen hatte. „Ich bin der Überzeugung, dass zu den Plänen und Zielen, die in der Schöpfung offenbar werden, auch eine genetisch angelegte Fähigkeit des Menschen zur Partnerschaft mit Gott gehört.“ Fowler ist alles andere als ein Fundamentalist, doch er glaubt an Gott als den Schöpfer des Menschen. Wir sind nach seiner Überzeugung „dafür vorstrukturiert, die Fähigkeiten hervorzubringen“, die wir als Geschöpfe Gottes brauchen, unserer „Berufung“  zu folgen. Also sind wir demnach nicht die Träumer, für die uns der Atheismus Feuerbachs hält, sondern die Wunde an unserer Seele, wo der Schnitt unserer Abwendung von Gott erfolgte,  weckt die Sehnsucht nach der Heimkehr des Menschen zu Gott. Das geht frontal gegen Feuerbach, doch warum soll denn Feuerbachs Annahme stimmen und die von Fowler falsch sein? Man denke dem nach.

Der Mensch, der am Gottesverlust leidet und der auf der Suche nach Gott ist. Zwei Geschichten über Kinder beschäftigen mich. Die erste erlebte ich vor vielen Jahren in der riesigen Bahnhofshalle von Frankfurt am Main. Ein entzückendes kleines blondes Mädchen rannte und stolperte durch den Wald von Beinen der Erwachsenen und rief weinend immer wieder: „Mama, Mama, Mama!“. Alle schauten ratlos auf dieses Kind, das sich nicht aufhalten ließ nach seiner Mutter zu rufen. Ein für mich bis heute traumatisch verinnerlichtes Erlebnis. Eine Frau nahm sie schließlich in den Arm und sagte: „Nun suchen wir beide die Mama.“ Der Mensch, der seinen Schöpfer verlor, rennt in Kopf und Herz heulend, seufzend durch die Welt und sein Leben. „Wo ist Gott? Wo ist mein Gott?“ Sentimental?  Das ist so wenig sentimental wie die Tränen, die einer am Grab der Eltern weint.

Augustinus, der spätere Kirchenvater St. Augustinus, war vor seiner Bekehrung ein antiker Playboy und Gottsucher. Beides passt durchaus zusammen. Erotik und Sex ersetzen nicht die Erfüllung des Lebens mit Gott. Manche begreifen es noch rechtzeitig. Dieser junge Nordafrikaner ging am Strand des Meeres spazieren und sah einen kleinen Jungen, der sich eine Kuhle ganz nahe am Wasser gegraben hatte und er schöpfte mit einer Muschelschale Meerwasser in seine Kuhle. „Was macht du da?“ fragte Augustin den Knaben und der antwortete: „Ich schöpfe das Meer in meine Kuhle.“ Tief nachdenklich ging der junge Philosoph weiter und begriff urplötzlich, dass es das Meer in seiner unendlichen Fülle gibt, so wie Gott in seinem unerforschlichen Geheimnis und dass hier ein kleiner Mensch sich daran machte, von diesem Meer Wasser in seine Kuhle zu schöpfen. Wie ein Mensch, der Gott sucht und endlich findet.  Er schrieb diese Geschichte in seine „Bekenntnisse“. Dort steht auch der Satz: „Mein Herz ist unruhig in mir, bis dass es ruhet Gott in dir.“ Nicht nur wir fragen nach Gott. Gott fragt nach uns: „Mensch, wo bist du?“