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Johannes Hansen
GOTT – ein schweres Wort.

Ich verstehe, dass ein Mensch Probleme mit diesem Wort hat. Es ist ja zunächst nur eine Vokabel mit vier Buchstaben. G/0/T/T kann irgendwas und alles Mögliche sein. „Gott“ kann wie ein Eimer sein, in den man jeden Dreck dieser Erde gefüllt hat, oder auch kostbare Flüssigkeiten wie reines Wasser und kostbaren Wein.

Doch wir brauchten einen Gott, der zu uns passte. Also machten wir uns einen Gott auf Passform zurecht. Schon immer wurde er für den Sieg über die jeweiligen Feinde in Anspruch genommen - beiderseits versteht sich.

Die Kritiker des Gottesglaubens verstehe ich gut, weil das Wort Gott eines der am meisten misshandelten und missbrauchten Worte der Weltgeschichte ist. „Gott sei Dank gibt es nicht, was 60 bis 80 Prozent sich unter Gott vorstellen.“ (Karl Rahner)

Was also meinen die Christen, wenn sie sagen: „Ich glaube an Gott“.

Kein metaphysisches Gespenst jenseits der Sternennebel. Kein gegen die Filmwand unseres Unterbewusstseins gespiegeltes Bild unserer Ängste, Sehnsüchte und unerfüllten Hoffnungen. Kein in einem Bild unserer Welt fassbares Gottesbild. Das ginge voll gegen die Bibel selbst.

Dieser Versuch wird dem Glauben im zweiten der zehn Gebote in aller Form verboten. „Du sollst dir kein Bild noch Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser und unter der Erde ist. Bete sie nicht an und diene ihnen nicht.“

Das ist die radikale Entgötterung der Schöpfung Gottes. Es gilt nicht nur für die Sterne, Berge, Bäume und Engelmächte, sondern ebenso für den modernen Gott Mammon, der auf den Konten der Banken ruht, oder an den Börsen hin und her geschoben wird.

Das bedeutet auch: Du sollst dir keine Vorstellungen und Begriffe machen, mit denen du Gott in den Griff kriegst. Was man sich vorstellt, kann man auch wegstellen und abstellen. Darum nennen ihn die Beter der Bibel auch den „heiligen Gott“. Als Moses das versklavte Volk aus Ägypten in die Freiheit führen sollte, fragte er Gott nach seinem Namen und bekam die Antwort: „Ich werde sein, der ich sein werde. Und sprach: So sollst du zu den Israeliten sagen: "Ich werde sein", der hat mich zu euch gesandt.“

Ein Name, der kein irdischer Name, keine Weltformel, kein magischer Geheimcode ist. Es ist ein Name, der alles sprengt, was wir an Worten und Vorstellungen haben. „Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht.“ So hat Dietrich Bonhoeffer konsequent formuliert. Gott gibt es nicht wie es den Eifelturm, den Dom zu Berlin, den Stuhl auf dem ich sitze, oder irgendwas sonst gibt. Er ist kein „Es“, das jemand erschaffen hat oder sich ausdenkt. „Gott ist Gott“, man kann den Satz wie den Namen Anna vor und zurück lesen. Zu hart, zu extrem, zu intellektuell? Nein, befreiend und entgötternd ist es. So können Menschen frei werden von Zwängen, religiösen Unterwerfungen, seelischen Überforderungen, weil die Göttergalerie, die Paulus in Athen besichtigte – und ihre Fortsetzung in unserer Zeit - kein Recht auf unser Leben hat.

„Ich glaube an Gott“, das heißt für die Christen: Er ist der eine und unvergleichbare und unaustauschbare Gott, den wir nur erkennen und erfahren können, wenn wir uns auf den Weg des Glaubens machen. Heraus aus unseren psychischen Zwanghaftigkeiten und unserer vielleicht fast genetisch ererbten Ablehnung Gottes. Heraus aus den Knechtschaften in den Lebensbereichen von Geist, Seele und Leib und hinein in die Freiheit der Verbundenheit mit Gott. Wer das begriffen hat, wird und will nicht mehr drauf los leben wie es ihm passt. Er wird Gott lieben und ihm vertrauen. Das ist ein Leben im Glauben. Wie das Leben zweier Menschen, die sich von Herzen lieben. „Gottvertrauen“, ein Wort, das man neu entdecken darf.

Christen glauben an den unbeweisbaren, den nicht zu fassenden Gott, der sich unseren Kategorien entzieht, der größer ist alles und kleiner ist als alles, was wir Menschen uns denken können. Er ist kein Teil seiner eigenen Schöpfung, er steht ihr gegenüber wie ein Künstler, der sein Gemälde betrachtet. Er ist frei in seinem Handeln und auch frei in der Art und Weise seiner Öffnung hin zu uns, frei in seiner Kommunikation mit uns Menschen. Auch frei in seinen Gerichten, denn er ist heilig, doch es geht ihm um unsere Befreiung und Heilung.

Er sucht uns, bis er uns findet. Er macht sich uns bekannt in den Gleichnissen, die Jesus erzählt. Etwa jenes von dem Mann, der hundert Schafe hatte, doch eines verlief sich und hing irgendwo im Gestrüpp. Der Mann ließ seine 99 Schafe zurück im Gatter und suchte das eine verlorene Schaf und kam begeistert von seiner Suchaktion zurück und rief es schon von weit her: „Hallo, ich habe mein Schaf gefunden, das ich verloren hatte.“ So beschreibt uns Jesus Gott.

Immer wieder haben nicht nur die alten Propheten, sondern auch heutige Menschen gesagt: Sein Wort hat mich erreicht, ich habe seine Stimme vernommen, er hat mich durch seinen Geist im Innersten berührt, er hat mich gesucht und gefunden – nun vertraue ich ihm. Ich vertraue ihm mein Leben an. Das ist die Grundentscheidung des Glaubens.

Altbundeskanzler Helmut Schmidt hat einmal gesagt, wenn einer „Erscheinungen“ hat, müsse er zum Arzt. In der Tat, es gibt allerlei religiöse und spinnerte Erscheinungen, die Helmut Schmidt keinesfalls hat. Doch der denkende Glaube ist das absolute Gegenteil eines erregten Gemüts und eines durchgeknallten Gehirns. Gottes Stimme hören, seinen Geist erfahren, dies ist die innerste Erfahrung, die einer nur noch bekennen kann, nicht beweisen. Sie schafft Realitäten, die das ganze Leben verändern. Dass ein Mensch an Gott glaubt, besser gesagt, eine gelebte Beziehung zu Gott hat, muss sich in seinem Verhalten zeigen, nicht in klugen Sprüchen.

Ich kenne Menschen mit zwei Staatsexamen, mehrfach promoviert und habilitiert und mit großen wissenschaftlichen Ehren versehen, denen kein Dachziegel auf den Kopf gefallen ist und sie glauben an den „lebendigen Gott“ und beten zu ihm. Ganz einfach wie ein Kind. „Und wenn ihr nicht werdet wie die Kinder“, begreift ihr nichts von Gott, hat Jesus gesagt, von kindisch war nicht die Rede.

„Des „Rätsels Lösung“ ist: Dieser „heilige Gott“, der sich von uns nicht manipulieren lässt, ist in die Tiefe unserer Welt gekommen und hat sich uns durch Jesus von Nazareth bekannt gemacht. In diesem Menschen ist er uns ganz nahe gekommen, wie die Christen zu Weihnachten singen: „In unser armes Fleisch und Blut verkleidet sich das ewge Gut.“ Wer Jesus ansieht, sieht wie Gott ist, nicht wie er aussieht. Er entdeckt voller Freude, dass Gott LIEBE heißt, weil er sein Wesen in diesem Jesus gezeigt hat. Darum ist ihm der Hoheitstitel Christus verliehen, Jesus ist der Christus Gottes. Jesus von Nazareth ist sozusagen das der Welt zugewandte Angesicht des unsichtbaren Gottes.

Es bleiben noch Geheimnisse über Geheimnisse, das weiß die Bibel selbst. Die Frage „Warum?“ wird besonders in den Psalmen Israels gestellt. Die Gestalt des Hiob ist die Summe der Verzweiflung an Gott. Doch immer wieder kommt das Dennoch des Glaubens: „Dennoch bleibe ich stets bei dir.“ Ich leide schwer an manchem, was ich nicht verstehe, doch niemals möchte ich dafür meinen Glauben kündigen. Ich bete mit Milliarden Menschen: „Unser Vater im Himmel.“ Ich darf ihm vertrauen, darf ihn sogar lieben. Das weiß ich durch Jesus. Er ist gekommen, uns die Nachricht zu überbringen, dass wir zu Gott „Vater“ sagen dürfen. Jeder darf in jedem Augenblick damit beginnen. Der Glaube weiß sich trotz allem, was uns belastet, in Gott geborgen.