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Johannes Hansen

Jesus Christus - Seine "Himmelfahrt"

In meiner Kindheit hatte ich ein Problem mit den Predigten zur „Himmelfahrt Christi“. Wo ist er denn geblieben?, so dachte der kleine Kerl. Einfach weg, nach oben verschwunden, abgehauen für immer? Nach oben in den fernen Himmel gefahren? Jenseits der Wolken und Sterne? Und wo ist denn das, der Himmel? Und wir hocken hier auf der Erde allein und ohne ihn herum? Die Fragen eines Kindes? Auch das, aber es sind die Fragen aller, die über die Himmelfahrt nachdenken. Schon die frühe Christenheit hatte diese Fragen zu bewältigen.

Seltsam, der Englisch-Unterricht brachte mich auf eine ganz neue Spur des Denkens. Ich hatte damals noch keinen im Herzen lebendigen Glauben an Jesus Christus, der kam später, doch durch die englische Sprache wurde bei mir eine „Denksperre“ aufgehoben. Ich konnte die Himmelfahrt jedenfalls ahnend denken und das war ein wichtiger Schritt in Richtung Glaube.

In unserer deutschen Sprache haben wir leider nur das eine Wort „Himmel“. Die englische Sprache hat zwei Worte dafür. „sky“ ist der „Himmel über uns“ – der blaue Himmel, der Sternenhimmel, der Wolkenhimmel, der Himmel, aus dem der Regen fällt und von dem die Sonne scheint, der Himmel an dem die Flugzeuge fliegen.

„heaven“ ist in der englischen Sprache der „Gotteshimmel“, die „unsichtbare Welt Gottes“. Aber was sage ich da? Alle unsere Bilder und Worte reichen nicht hin, um Gottes Himmel mit Worten zu beschreiben. Unsere Begriffe platzen wie bunte Luftballons, in die man eine Nadel sticht. „Groß ist das Geheimnis“ heißt es in der Bibel und in der alten Liturgie der Kirche. Es ist keine Flucht, wenn wir vom „Geheimnis“ reden. Es ist die Anbetung Gottes und die Anerkennung der Grenzen unseres Verstandes, die es uns erlaubt, ja gebietet. „Gott sei Dank gibt es nicht, was 60 bis 80 Prozent der Zeitgenossen sich unter Gott vorstellen.“ (Karl Rahner)

In meinem kleinen Kopf ist mir inzwischen klar geworden: Gott wohnt nicht in einem „Himmel“ irgendwo, sozusagen hinter allen Sternennebeln in einem himmlischen Raum, - sondern, wo Gott ist, dort ist der Himmel. Hier kommen wir kleinen Menschen mit unserem physikalischen Alltagsdenken nicht weiter, doch auch der berühmteste Physiker nicht. Es wird kaum einer annehmen wollen, dass er mit seinem auch noch so gescheiten Kopf alles fassen kann, was es in Gottes Schöpfung und in Gottes Himmel gibt. Zur Zeit gibt es - so schrieb vor einigen Jahren das Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL - erstaunlich viele moderne Physiker, ihre Zahl sei wachsend, die gerade wegen ihrer Wissenschaft wieder nach Gott fragen. Auch wenn sie vielleicht nicht sofort von Gott selbst reden, sondern über ein unfassbares Geheimnis staunen, das alles zusammen hält. Die „Gottesfrage“ lässt sich wohl nicht abschaffen. Manche Wissenschaftler sind darüber zu Christen geworden.

Bei einer Predigt zum Fest Christi Himmelfahrt in einer süddeutschen Gemeinde, bin ich einmal seltsam „bewaffnet“ auf die Kanzel gestiegen. In der einen Hand hielt ich eine richtig dicke Bibel und in der anderen einen Schirm, den ich mit Knopfdruck öffnen konnte. Ich sagte den Menschen in der Kirche: „Diese beiden Gegenstände haben es mit dem Wort Himmel zu tun. Ich drückte auf den Knopf des Schirms, der sich erfreulich knallend öffnete. Einige ältere Damen erschraken sehr, so etwas auf der Kanzel war ihnen neu. Und ich sprach über den „sky“. Dann nahm ich die Bibel und las die kurze Himmelfahrtsgeschichte aus dem Lukasevangelium vor und predigte vom „heaven“ und der Himmelfahrt Christi.

Ich erzählte den Zuhörern, dass der Auferstandene nach Ostern laut der Evangelienberichte seinen Jüngern mehrfach „erschienen“ ist. Zum Beispiel bei einer Wanderung von zwei seiner Freunde nach Emmaus. Plötzlich war er zwischen ihnen und „legte ihnen das Wort Gottes aus“. Danach aß und trank er mit ihnen und sie erkannten ihn - „und er verschwand vor ihnen.“ Zum Abschluss dieser besonderen Zeit führte er seine Jünger auf den Ölberg. Dort erhob er seine Hände, segnete die Jünger und während er das tat, „schied er von ihnen“ und „wurde in den Himmel hinauf getragen.“ Er war tatsächlich aus der Welt des Sichtbaren verschwunden und zum „Vater im Himmel“ gegangen.

Die so wunderbar gesegneten Männer „kehrten mit großer Freude nach Jerusalem zurück.“ Nun begann bald die „Weltmission“, die bis in diesen Augenblick weitergeht. Alle Menschen aller Völker sollen es erfahren, auch jeder von uns, das es nun Wirklichkeit ist. Was Jesus am Kreuz für uns und die ganze Welt erlitten hat und was zu Ostern durch die Auferweckung Christi bestätigt ist, das gilt nun weltübergreifend für die ganze Erde und alle Menschen, die auf ihr lebten, leben und noch leben werden. Und am Horizont erscheint schon das Morgenlicht der neuen Erde und des neuen Himmels. „Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe ich mache alles neu.“

So steht es in der Offenbarung des Johannes, dem geheimnisvollen letzten Buch der Bibel. Jesus, der Christus verteilt sozusagen die Liebe Gottes, die Vergebung der Sünden, den Trost seines Heils und seine Aufträge an alle Menschen, die sich mit ihren Herzen und Köpfen dem Wort Jesu Christi öffnen und für ihn leben.

Himmelfahrt ist nicht der „Vatertag“ biertrinkender Männer, die mit dem Bierfass auf dem Bollerwagen brüllend durch die Landschaft ziehen. Es ist der Freudentag für alle, die Jesus als ihren Heiland und Herrn entdeckt haben. Nichts gegen ein Glas Bier – wenn man nicht alkoholkrank ist – doch wir sind viel reicher als wir ahnen. Auch die Biertrinker am Himmelfahrtstag dürfen das begreifen. Wenn sie wieder nüchtern sind.