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Johannes Hansen

Jesus und der Zweifler

Er hieß Nathanael. Im ersten Kapitel des Johannes-Evangeliums ist von ihm die Rede (Verse 29 bis 51). Aus den geschilderten Umständen lässt sich schließen, dass er ein in religiösen Fragen kritischer Mann war. Kein Atheist - die gab es damals noch nicht, der Atheismus ist eine historisch viel spätere Absetzbewegung von Gott, die in Europa begann. Ein international bekannter Kirchenführer, ein afrikanischer Bischof sagte mir einmal, es handle sich um eine „Geisteskrankheit“ der Europäer. 

Nathanael war ein Zweifler mit der Tendenz zum Skeptiker. Bevor er Jesus traf, war schon eine ganze Reihe von Männern durch eine Art Kettenreaktion des guten Geistes Gottes zum Glauben an Jesus gekommen. Johannes der Täufer predigte am Jordan und zeigte auf Jesus, der seine Rede anhörte: „Siehe, das ist Gottes Lamm, dass der Welt Sünde wegträgt.“ Das war die Initialzündung für eine ganze Reihe von Männern, sich auf den Weg zu Jesus zu machen. Einer sagte es dem andern weiter, dass er Jesus entdeckt hatte. Endlich fand Philippus Nathanael und sagte ihm: „Wir haben den gefunden, von dem schon Moses im Gesetz und die Propheten geschrieben haben, Jesus, Josephs Sohn aus Nazareth.“ Er sah Philippus skeptisch an und erklärte: „Was kann aus Nazareth Gutes kommen!“ Tatsächlich war Nazareth ein religiös unqualifizierter Ort, niemals vorher erwähnt. „Komm und sieh es!“ Als sich Nathanael näherte, sagte Jesus: „Siehe, ein rechter Israelit, in welchem kein Falsch ist.“ Nathanael fragt überrascht: „Woher kennst du mich?“ Jesus antwortete: „Bevor Philippus dich rief, als du unter dem Feigenbaum warst, sah ich dich.“ Eine ganz bestimmte Stunde seines Lebens. Als Jesus diesen Satz sagte, kam der helle Schein des Glaubens in sein Herz und seinen Kopf hinein. „Rabbi, du bist Gottes Sohn.“ 

Nur eine Anekdote für fromme Leute? Für den Kindergottesdienst? Nein, dieser Bericht ist in der literarischen Form der Evangelien Theologie pur. Hier wird komprimiert gelehrt, wie Gott mit Zweiflern umgeht. Er verachtet sie nicht. Wir dürfen zweifeln. Es ist verständlich, dass jemand nicht aus sich selbst glauben kann, dass der verborgene Gott sich durch Jesus von Nazareth bekannt gemacht hat. Jeder darf direkt aussprechen, was er nicht verstehen und glauben kann. In das Stichwort „Nazareth“ kann jeder seine Zweifel und seine Skepsis hineinpacken wie in eine große Tonne. Dabei helfen gute Freunde und klärende Gespräche. Die überraschende Erfahrung, dass Jesus uns kennt, ehe wir an ihn glauben, hat schon Abermillionen Menschen sozusagen umgedreht. Um 180 Grad. 

Unter welchem Feigenbaum sitzen wir jetzt gerade? Und wie? Vom Leben enttäuscht? Von jemand betrogen? Wegen einer Schuld in heißer Not? Mit einer stillen Sehnsucht nach dem Glauben? Beim Versuch zu beten und es klappt nicht? Vielleicht auch als ein untreu gewordener Christ? Jesus sieht uns auch heute unter unserem Feigenbaum. Und es kann hell werden in unserem Leben. Jesus Christus kennt uns rundherum und durch und durch. Und er verachtet uns nicht, er wartet auf uns. Dass wir zurückkehren zu Gott.