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Johannes Hansen
Müll abladen umsonst

Auf dem städtischen „Entsorgungsplatz“ wurde eifrig Müll abgeladen. Auch ich war mit einem voll geladenen Auto hingefahren und schleppte unseren Müll über Eisenleitern hoch an den Rand der riesigen Stahlkisten. An jedem dieser Container steht geschrieben, was rein soll. Papier kommt zu Papier. Holz kommt zu Holz, Eisen auch in die entsprechende Riesenkiste. Die in Dosen und Flaschen steckenden bekannten und unbekannten Pasten, chemischen Wässerchen und giftigen Substanzen stellt man unten in eine besondere Kiste. 

Nach Beendigung meiner Aktion „Müll abladen“ fragte ich einen Mann im orangenen Overall, was ich wo zahlen müsse. „Nichts“, erklärte er lächelnd, „Müll abladen ist hier umsonst“. Da staunt der Fachmann und der Laie wundert sich. Wo gibt es heute noch was umsonst? Doch ich fuhr mit einem leerem Auto vom Hof dieser Anlage. Endlich war der Müll weg.

Intellektuell anspruchsvolle Leser könnten ab jetzt die Nase rümpfen, wenn ich meine Gedanken mitteile, die ich auf der Rückfahrt im Auto hatte. Lesen sie doch einfach noch ein paar Takte weiter. Ich dachte an den Müll, den wir in unserem Leben ansammeln. Ich auch. Da gibt es Gehirnmüll, Seelenmüll, Giftmüll, also Lebensmüll aller Sorten, die wir so ansammeln. Alles was bei uns schief gelaufen und vor die Wand gefahren wurde. Sie ahnen es, ich rede von der Realität der Schuld und noch präziser, ich rede tatsächlich von Sünde. Beide Worte mögen bei vielen keinen guten Klang haben. Schuld geht ja noch, denn wir kennen Schulden, die wir haben, oder andere bei uns haben. Bei Autounfällen geht es juristisch um die Schuldfrage. Aber das Wort Sünde gehört nicht mehr zu unserem Sprachschatz. Und wer heute deutlich von Sünde redet, gerät in den Verdacht, ein Fundamentalist zu sein. Dabei handelt es sich hier um das Hauptwort der Bibel über die Trennung des Menschen von Gott und die sich daraus ergebenden Folgen im Alltag des Lebens. Wir haben nicht nur Sünden, sondern sind Sünder. Lauter Sperrmüll zwischen uns und Gott. Mancher Giftmüll in Ehen, Familien, Betrieben, Nachbarschaften, Parteien und sogar zwischen Völkern. Sünde ist eine Zündschnur sogar für Kriege.

Das ist nicht nur eine religiöse Angelegenheit, sondern durchaus auch eine soziale und gar politische Realität. Wer Zeitung liest, weiß es. Und wir sind darin verwickelt.

Immer noch meinen Kritiker, die Kirche rede von der Sünde des Menschen, um die Gläubigen seelisch zu unterwerfen. Ich sehe dafür heute kaum noch Belege. Doch wenn es diese Methode noch geben sollte, vielleicht ganz subtil, würden diese Kirchenleute nicht mit Gott, sondern mit dem Teufel zusammenarbeiten. Der macht Angst, Gott macht frei. 

Auch bei Gott ist unsere Schuld und Sünde eine Katastrophe, die er nicht gütig hinweglächelt wie ein Opa Fehlerchen bei seinen Enkelkindern. Aber Gott geht anders an die Sache heran, als fromme Moralisten. Er deckt auf, um uns zu befreien. Er mag keine Menschen, die sich quälen mit ihrer Vergangenheit. Er ist auf Lösung, auf Erlösung aus. Erlösung ist ein Wort aus der Sprache der alten Sklavenmärkte. Dort wurden Menschen verkauft. Männer mit Muskeln und schöne junge Sklavinnen waren bevorzugt. Da aber kam ein reicher Mann daher, zahlte den Handelspreis und nahm Frauen und Männer als Freie in sein Haus auf. „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich losgekauft, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.“(Jesaja 43, 1)

So also geht Gott mit den Sündern um. Am schönsten ist es bei Jesus zu erkennen. Er wurde als „Freund der Sünder“ von Superfrommen verspottet, doch er ließ sich nicht beirren. Er solidarisierte sich mit den Sündern, nicht mit der Sünde. Doch er infizierte sich mit unserer Sünde, nahm sie auf sich und trug sie weg ans Kreuz. Er starb für uns, damit wir frei werden. Die Liebe Gottes ist unbezahlbar, sie ist geschenkt. Und sie will angenommen werden. Ganz persönlich. Warum nicht jetzt? Wer es wagt, wird es erfahren. „Bitte, vergib mir, mein Gott.“ „Kaum ist das Wort auf der Zunge, da ist schon die Wunde im Herzen geheilt.“ (Angelus Silesius)