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Johannes Hansen
Sehnsucht nach Gott.


Gibt es so etwas überhaupt? Und wenn, handelt es sich da nicht eher um Sentimentalität? Vorsicht, nicht jedes Gefühl ist nur heiße Luft. Was spricht dagegen, dass solche Empfindungen tief in unserer Seele wohnen? Mit Seele meine ich nicht nur die Psyche, von der die Psychologen sprechen, sondern das absolut Innerste in uns, das sich in langen Jahren verborgen entwickelt hat und nun seine Wege in unser Fühlen und Denken sucht. „Lobe den Herrn, meine Seele und was in mir ist, seinen heiligen Namen.“ So betet ein Psalm. „Was in mir ist“ ist, meint mehr als der Begriff „Psyche“ erfasst. Seele bin ich, meine Existenz mit ihrem gesamten Umfeld. So wie ich auch Leib bin, nicht nur einen Leib. Ich bin es selbst. Kein messbares Organ, doch in einem Menschen ist bildhaft gesprochen ein tiefes Meer, in dem das ganze Leben rauscht und manchmal auch tobt.

Jemand kann viele Jahre ohne einen Gedanken an einen Gott gelebt haben, langsam aber und nicht selten auch plötzlich ist dieser Hunger nach Gott und dem Glauben da. Ganz neu oder wieder ganz neu. Ich hatte in einer Dorfgemeinde einen Vortrag über ein wirklich kindlich klingendes Thema zu halten. „Ich möcht’ so gerne selig sein und weiß nicht wie ich’s machen soll.“ Zu kindlich, oder gar kindisch? Vorsicht, alles was aus der Tiefe eines Menschen aufsteigt, muss ernst genommen werden. Er sehnt sich, er leidet an einem Verlust, er leidet in diesem Falle an seinem „Gottesverlust“, der ihm sehr weh tut. Die Schnittwunde unserer Trennung von Gott blutet noch. Nur Gott selbst kann sie heilen.

Ich habe mich für diese Rede auf die Spurensuche gemacht. Woher komme ich? Wohin gehe ich? Wozu lebe ich? Dabei habe ich von Jesus erzählt, durch den Gott sich uns Menschen bekannt gemacht hat und der uns sucht. Wie der Schafhirte in einem Gleichnis, das Jesus erzählt hat, der hundert Schafe hatte, doch als sich eines verlaufen hatte, ließ er die neunundneunzig zurück und machte sich auf den Weg, um das eine Schaf zu suchen. Und als er es gewiss ziemlich zerrupft fand, trug er es auf seinen Schultern nach Hause. Voller Freude rief er seine Freunde und Nachbarn zusammen: „Freut euch mit mir; denn ich habe mein verlorenes Schaf wieder gefunden.“ So freut sich Gott, wenn er einen Menschen endlich wieder in die Arme schließen kann. Sentimental? Wie kann wirkliche Liebe lediglich sentimental sein? So ist der Gott, den die Christen bekennen und dem sie vertrauen. Er hat Sehnsucht nach uns und sucht und sucht uns, bis er uns findet. Das ist der liebende Gott, den wir durch Jesus entdecken. Ein leidenschaftlicher Sucher und ein glücklicher Finder. Eben kein Gott mit drohender Faust, sondern mit der zupackenden, doch rettenden Hand.

Ein paar Tage später bekam ich einen Brief von einer jungen Frau, die mir schrieb, dass sie dieser Abend voll erwischt hatte. Sie war eine bewusste Christin geworden. Vorher war sie ein „Kulturchrist“ gewesen, so schrieb sie mir, doch nun habe sie durch Jesus zu Gott gefunden. Mit der Sehnsucht nach Gott kann es sein wie mit der Sehnsucht nach einem Menschen, den man liebt. Die Bibel kennt viele Bilder, die in der Sprache der Liebe von der Beziehung Gottes zu uns und unserer Beziehung zu Gott reden. So kommt uns der suchende Gott ganz nahe. Seiner Sehnsucht nach Gott und dem Glauben braucht sich niemand zu schämen.

Schließlich noch ein Frage, die nicht übergangen werden darf. Vielleicht hat jemand heute Sehnsucht nach Gott, weil er einfach seine früheren Gottesbilder verloren hat, die ihn in Verlegenheit stürzten. So schön auch der Kinderglaube vom immer „lieben Gott“ war, oder der Fan-Glaube an Jesus, den ein junger Mensch hatte, die Vorstellungen trugen nicht mehr. Sie zerbrachen, als die Lebenslüge verdrängter Schuld heraus kam. Oder auch, als jemand starb, den wir sehr liebten. Nun ist es so weit, dass uns der „liebe Gott“ durch Jesus Christus bewusst wird, der am Kreuz „für uns“ starb und in seiner Auferstehung ein ganz neues Leben für uns öffnete. Jetzt geht es um die Abkehr vom früheren Denken und Verhalten und die Umkehr zu einem Leben im Vertrauen auf den einen und einzigartigen Gott. „Von Freude überrascht“ nannte der englische Literaturwissenschaftler C. S. Lewis die Erfahrung seiner ihm geschenkten neuen Gottesbeziehung. Wir können Gott finden, weil er uns längst gefunden hat.