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Sonne über dem Grab

... Vielleicht möchten Sie die Frage nach dem Sterben und dem Tod lieber vertagen? Ich sage das nicht ironisch, sondern ganz sachlich. Warum sich sorgen und das Gemüt krank machen, obwohl der Tod doch noch so weit entfernt ist? Vorsicht, er kann um die nächste Ecke kommen. Und er ist kein Freund, sondern ein Feind des Lebens. Man kann es ja auch wie jener amerikanische Spaßmacher halten, der meinte: „Ich habe keine Angst vor dem Sterben, wenn ich nicht dabei sein muss?“ Gut gelacht, doch das Lachen gefriert einem im Gesicht. Jeder wird ganz persönlich dabei sein, wenn er stirbt. Da ist mir das alte Gebet aus den Psalmen, dem Gebetbuch Israels und dann auch der Christenheit lieber, weil es so ehrlich ist. „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ (Psalm 90,12) Ich übersetze hier gerne frei: „…auf dass wir vernünftig, realistisch, ehrlich, pragmatisch werden.“ Wer begreift, dass sein Leben auf dieser Erde endlich ist, begrenzt, nicht unendlich und grenzenlos, der kann sein Leben vernünftig leben. Am allerbesten in der Beziehung zu Gott, wobei das Gebet eine große Rolle spielt.

Das Wort aus Psalm 90 ist keine „Todesankündigung“, sondern ein Ruf zum bewussten Leben. Wir sollen unser Leben nicht verplempern, sondern als Geschöpfe Gottes wirklich leben. Nicht zuletzt in Liebe und Verantwortung für andere leben.

Was geschieht denn bei unserem Sterben? Der Theologe Eberhard Jüngel hat es mit dem Begriff „Trennung“ durchdekliniert. Der Tod trennt uns vom elementaren Leben mit allem, was darin so schön ist; essen und trinken, feiern und arbeiten, lieben und lachen, küssen und umarmen. Er trennt uns von allem, was uns still bewusst wird. Von unseren Kindern und Freunden, von dem geliebten Menschen, der an unserer Seite war. Doch auch von Gott?

Nein! Der Tod trennt uns von unserem irdischen Leben, doch nicht von Gott. Sie wollen es bewiesen haben? Ich glaube es Gott, dass Jesus, der Bevollmächtigte Gottes alles mit in sein Sterben hineingerissen hat, was uns von dem heiligen Gott trennen konnte. Nur Gott selbst kann aus der großen Not retten. Wir werden von Gott in die Arme genommen, weil wir uns Jesus Christus anvertraut haben. Bitte, tun wir es doch! So kommen wir im „Drüben“ an. Wie wird das alles sein? So fragen wir technisch versierten Neuzeitler. Doch das geht über unser Verstehen und Begreifen unmessbar weit hinaus. Aber es ist wie Gott Gott ist, auch wenn wir es nicht in unserem Verstand unterbringen können. Die Hoffnungssprache der Bibel ist darum Bildersprache. Aber wäre denn der „technische Nachweis“ die Bedingung für vertrauen, glauben und getrost sein? Ich möchte mich bei meinem Sterben in die Arme Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes legen. Jeder darf es auch so im Glauben halten. „Mach‘s ja mit meinem Ende gut.“ Das Sterben ist der Ernstfall des Lebens. Doch das Leben ist mit unserem Sterben nicht zu Ende. „Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt.“ So sagt Jesus im Evangelium des Johannes. Glaube ist hier die volle Hingabe an Gott. Ja und Amen.

Wir standen am Grab eines wunderbaren Menschen. Der Pfarrer hielt nach dem Gottesdienst noch eine kurze Grabrede. Dabei las er ein Hoffnungs-Gedicht des Schweizer Dichtertheologen Kurt Marti. Bei dieser Lesung brach plötzlich eine Wolke auf und die helle Sonne strahlte durch den vorher so trüben Wolkenhimmel auf das Grab und in unsere Gesichter. Ein Lächeln breitete sich unter uns aus.

Johannes Hansen (1930 - 2010)