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Staunen und glauben

Für viele Menschen liegt auf der "Glaubensfrage" immer ein gewisser Druck. Trotz allem, was die Kirchen von Gnade reden, es muss doch etwas getan werden. Was auch immer, doch irgendetwas. Wie kann man denn glauben, ohne zu denken? Das ist für mich ein sympathischer Gedanke, denn das Denken wird von manchen "Gläubigen" sehr vernachlässigt. Und gewiss ist gerade der christliche Glaube ein denkender Glaube. Man lese die Briefe des Paulus und merkt bald, dass er ein intellektueller Theologe von Weltrang war. Dennoch rate ich zur Vorsicht, denn wenn wir das Denken als Zugangsform zum Glauben verstehen, also als Türöffner zum Glauben und so zu Gott, geraten wir in eine Sackgasse. "Die guten Werke helfen nicht", heißt es in einem alten Glaubenslied. Das gilt auch für das "gute Werk" eines klugen und engagierten Denkens. Das Denken macht die Tür zu Gott nicht auf.

Seit einiger Zeit begleitet mich die Erfahrung des Staunens in der Beziehung zum Glauben. Das Staunen kann man sich nicht selbst vornehmen, oder gar sich selbst befehlen. Die Anstiftung zum Staunen kommt ganz von außen zu uns. Der Anlass des Staunens ist außerhalb von uns, eine wichtige Erfahrung in unserer Lebenswelt. Leider haben manche das Staunen aufgegeben. Schade für sie, denn wir leben nie nur aus uns selbst, sondern in einer Welt um uns herum, in der Begegnung mit Menschen und sinnenhaften Erlebnissen. Ein Fußballfan staunt über einen Schuss, der unhaltbar ins Tor trifft. Ein Konzertbesucher staunt über die Stimme einer Sängerin. Jeder von uns kennt diese Erfahrungen auf den verschiedensten Gebieten.

Was hat das Staunen mit dem Glauben zu tun, oder welche Bedeutung hat das Staunen im spirituellen Sinne? Mir ist nach und nach klar geworden, dass Staunen eine wunderbare Gestalt des Glaubens ist. Einem Menschen geht die unüberbietbare Wahrheit von der Liebe Gottes zu allen Menschen und ihm ganz persönlich auf - und er kann nur noch staunen und danken. 

Mir wird zur Gewissheit, dass Jesus alle Schuld, auch meine, am Kreuz auf sich nahm und wegtrug. Ich staune darüber, dass ich schier weinen muss, doch ich lache vor Freude und bin ein Glaubender. Ich staune in einem Gottesdienst über Menschen, die aus dem Glauben leben und ich beginne mit ihnen zu glauben. So kommt der Glaube nicht aus dem religiösen Boden meiner Seele, sondern er kommt ganz von Gott, ganz von außen. Natürlich wird dann auch etwas zu tun sein, sehr viel sogar. Doch nun als Reaktion auf das Geschenk des Glaubens und nicht mehr als Aktion auf dem Weg zum Glauben. Es ist eine riesige Befreiung des Einzelnen, doch ebenso für alle Menschen, die auf der Suche nach Gott sind. Gott kommt zu uns, so kommen wir zu Gott. Die Summe für dieses Staunen heißt Jesus. 

Johannes Hansen