Zur gott.net Wochenausgabe
zur gott.net Übersicht

Johannes Hansen
Vom Playboy zum Kirchenvater

Er war ein hoch gebildeter junger Mann, wissenschaftlich weit orientiert, er konnte fabelhaft reden. Ein  Professor der Disziplin Rhetorik, was in seiner Zeit auch die Philosophie umfasste. Er wird ein attraktiver junger Mann gewesen sein. Die jungen Frauen waren ihm zugetan und „er ließ nichts anbrennen“, wie man heute zu sagen pflegt. Der Begriff Playboy wird zurzeit nicht mehr so oft gebraucht, doch er war einer. Und das alles zum Leidwesen seiner Mutter Monika, die ganz bewusst von einer Heidin zur Christin geworden war.

Doch im Rausch von Wissen und Genießen hatte sich dem so klugen jungen Mann die tiefste Frage des Lebens nicht erschlossen. Was der Sinn seines Lebens sei und wie man „die religiöse Frage“ lösen könne. Mailand dampfte von Religionen und Philosophien und Ablegern derselben. Sein Kopf war voller Wissen und Gedanken, doch sein Herz war unruhig in ihm, so sagte er später selbst von sich.

Man schrieb das Jahr 386 nach Christus in Mailand, wo der inzwischen 32-jährige Professor lebte und an der Uni lehrte. Er kannte vom Fach her alle Bücher und Ansichten über die Religionen und auch über die jungen christlichen Gemeinden. Was wir heute Bibel nennen, war ihm gewiss auch bekannt. Seine Mutter Monika hatte ihm ohne Frage von Jesus erzählt, doch da mag er müde gelächelt haben. So stolz er auch gewesen sein mag, er war zugleich depressiv und wurde es immer mehr. In keinem der vielen Bücher und uralten Schriften fand er eine Antwort, auch nicht in den Schriften der christlichen Gemeinden.

Wer gegen die Wahrheit und die wirkliche Liebe lebt, kann daran krank werden. Die Psyche protestiert, sie macht nicht mehr mit. Augustinus wirft sich im Garten des Mailänder Hauses eines Freundes unter einen schattigen Feigenbaum und weint über seine Not. Doch plötzlich holt ihn eine zarte Kinderstimme aus seiner Verzweiflung hervor. Das Kind singt im Nachbargarten ein ganz einfaches Liedchen mit dem Kehrreim „Tolle, lege, tolle, lege“,  das heißt zu Deutsch: „Nimm und lies, nimm und lies“. Augenblicklich wusste Augustinus: In diesem harmlosen Kinderlied spricht Gott zu mir. So etwas hat es immer wieder im Leben von Menschen gegeben. Kleine Ereignisse, große Folgen, wenn Gott still eingreift. Augustinus schlägt die Bibel seines Freundes auf und landet sofort bei einem Wort aus dem Brief des Paulus an die römische Gemeinde: „ Lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts. Lasst uns ehrbar leben wie am Tage, nicht in Unzucht und Ausschweifungen …“  (Kapitel 13, 13 – 14)

Bei Augustinus trifft das Wort buchstäblich ins Schwarze, es ist das lösende Wort. Nun weiß er, dass Gott sich ihm zugekehrt, er kehrt um zu Gott und es wird hell in ihm. Seit er diese Geschichte selbst bezeugt hat, spricht man von der „Bekehrung des Augustinus.“ In den „Confessiones“ (Bekenntnisse) des „heiligen Augustinus“ steht der weltbekannte Satz: „Mein Herz ist unruhig in mir, bis dass es ruhet Gott in dir.“ Augustinus zog sich zuerst lange in die Stille zurück, änderte seine Lebensweise radikal und wurde schließlich zum großen Theologen der Kirche, auch „Kirchenvater“ genannt. Nachdem er 391 zum Priester geweiht worden war, wurde er 395 der Bischof von Hippo. In dieser Kurzfassung kann nur noch gemeldet werden, dass Augustinus bis heute eine der bedeutendsten Gestalten der Kirchengeschichte ist.

Und wir? Nicht jeder kann ein direktes Zeichen von Gott erwarten. Das Evangelium ist die Wahrheit und der heilige Geist leitet uns in diese Wahrheit.

„Tolle lege, tolle lege“, „nimm und lies, nimm und lies“ gilt jedoch auch heute. Erwartungsvolle Blicke in die Bibel können alles ändern. Oder eine zupackende Predigt, das Gespräch mit einem christlichen Freund, einem Pastor oder Priester, ein Buch, das uns packt. Sogar dieser kleine Bericht über die „Bekehrung des Augustinus“ könnte es sein. Wen der Kummer des Zweifels und der Sehnsucht nach Gott gepackt hat, darf sich bei Freunden melden, die bewusste Christen sind.