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Michl Graff
Angst

Ich habe Angst. Angst ist ein schlechter Ratgeber, sagen mir die Politiker. Gott nimmt dir deine Angst, sagen die Prediger. Ich habe trotzdem Angst. Vor dem Terror, vor dem göttlichen Gericht. Was nun? 

Von Jesus wird berichtet, dass er Angst hatte und Blut schwitzte. Der Garten Getsemane ist ein Ort, den wir alle kennenlernen, ob wir wollen oder nicht. Angst macht eng, ängstlich. Angst ver­schließt den Mund, der lauthals Vertrauen und Hoffnung sagen wollte. Du stotterst, bist wie gelähmt, sagst lieber überhaupt nichts mehr. Wer wirklich Angst hat, zum Beispiel in der Schule, am Arbeitsplatz, in der eigenen Ehe, kann davon kaum reden. Angst macht extrem einsam. Du bist im Garten Getsemane. Die Freunde schlafen.

Ist meine Angst ein Ort, Gott zu finden? Man könnte sagen, Gott reißt dich heraus aus deiner Angst, macht dich wieder froh und tatkräftig. Aber wie wäre es, wenn dich das Wort Gottes, die Rede der Propheten, ein Text wie die Bergpredigt, besonders ängstigt? Es könnte ja sein, dass ein überaus gutgelaunter Christ aus einer Bußfeier ängstlich, zumindest verschreckt heimkehrt. Die Begeg­nung mit dem lebendigen Gott ist nicht zwangsläufig eine Stunde der Ermunterung. Wer Gottes Wort ernst nimmt, kann es mit der Angst bekommen.

Jesus kam, uns zu erlösen. Er hat die menschlichen Ängste nicht verharmlost. Angst ist ihm vertraut. Ich möchte fast sagen: Angst ist ein guter Ratgeber. Wenn ich Angst habe, spüre ich, dass mein Leben bedroht ist, erlösungsbedürftig. Der arme Sünder, der sich kaum traut, im Gottesdienst nach vorn zu kommen, gilt in den Augen Jesu als liebenswertes Vorbild. Nicht, weil Jesus uns Angst machen will, sondern weil er uns kennt. Der muskulöse Sprüche­klopfer, der Typ des »Pharisäers«, ist Jesus verdächtig.

Da musst du durch. Das Evangelium ist kein Schleichweg an deiner Angst vorbei. Du wirst mit deinen Engen und Grenzen leben lernen, mit offenen Augen für Terror und Gericht. Dass dann trotzdem Hoffnung aufblüht inmitten deiner Nacht, das ist die Osternacht.