Zur gott.net Wochenausgabe
zur gott.net Übersicht

Michl Graff
BEZIEHUNGEN

Man hat sie oder auch nicht. Wenn man sie nicht hat, kommt man schlecht voran. Und wenn man sie hat, hat man sie heutzutage in einer Kiste, der Beziehungskiste, die bei den meisten Leuten bekanntlich nicht stimmt. (Dass es da noch einige Einfaltspinsel gibt, die einfach Freunde und Deppen um sich wissen, die einen aufsuchen und die anderen meiden, ihre Ehe relativ glücklich nennen und es zur Überraschung anderer auch sind, lassen wir klugerweise daneben stehen.) Wer erst einmal die Geheimnisse der Beziehungskiste kennengelernt hat, ist diesbezüglich vorläufig beschäftigt.

Kürzlich saßen wir erwartungsvoll am Tisch, um aufzuräumen, auszupacken und ebendiese vermaledeiten Beziehungen zu klären. Es ging gründlich daneben. Die Empfindsamen weinten, die Ironischen wurden brutal, die Experten zogen sich in ihren Jargon zurück. Wir haben es dann noch zu zweit probiert. Es war auch nicht besser. Dabei hätten wir so gern alles geklärt. Unsinn, kommentierte das eine gewitzte Benediktinerin, wenn mir eine Mitschwester auf die Nerven geht, setze ich mich zum Beten im Chorgestühl halt woanders hin. Recht hat sie, zumal Gebet und Lobgesang sofort ins Stocken kommen, wenn nebenan etwas rumort. Einem anspruchsvollen Jesuswort zufolge solle man den Altar überhaupt meiden, wenn man verstritten daherkommt. Wie oft wären dann Gottesdienste kurzfristig abzusagen, denke ich mir im Blick auf Kollegen, Mesner und das ganze Personal. Aber vielleicht war man früher nicht so umständlich. Vielleicht hielt man es für normal, dass es nicht mit jedem Nächsten gut Kirschen essen (oder Pferde stehlen) ist, und man hat ja bei fortgesetzter Bibellektüre nicht den Eindruck, als ob Jesus immer nett gewesen wäre. Nun hat er nicht alle zu Freunden oder Brüdern und Schwestern deklariert. Vielleicht ist das der springende Punkt. Immerhin hören wir von recht unterschiedlichen Beziehungen schon in der guten alten Zeit. Und im Grunde besteht der Unterschied nur darin, dass wir uns in dem Gerangel besser auszukennen glauben.

»Wo die Güte und die Liebe wohnt«, sagen wir enttäuscht und hoffnungsvoll, doch der Gott, der hier (und nur hier) wohnen sollte, dürfte bei unserem Chaos mittlerweile fluchtartig ausgezogen sein und nicht einmal mehr zur Kehrwoche erscheinen. Irgendetwas war da falsch gewickelt. Die Versuche, unsere Gottesbeziehung untereinander zu organisieren, schlugen fehl. »Wir sind geliebter, als wir wissen«, sagt der Theologe Helmut Gollwitzer, und er weiß zu streiten, weiß Gott. Wenn der erste Johannesbrief Gott und Liebe identifiziert, dann wird das eine Geheimnis durch ein anderes erklärt. Immerhin führt das Wort Liebe in eine Qualität hinein, die unserem Hin und Her mehr sein könnte als nur Kiste. Vielleicht ziehen wir um, dorthin wo Gott so gern wohnt, und warten mal ab, ob nicht Liebe und Güte entstehen.