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Michl Graff
Glauben finden — im Zweifel?

Sollte Gott seinen Auserwählten, die Tag und Nacht zu ihm schreien, nicht zu ihrem Recht verhelfen, sondern zögern? Ich sage euch: Er wird ihnen unverzüglich ihr Recht verschaffen. Wird jedoch der Menschensohn, wenn er kommt, auf der Erde (noch) Glauben vorfinden?
(Lukas 18,7-8)

Ach, die vielen Zweifel. Sind sie der Beweis für wenig Glauben? Oder wo liegt die Not? »Was macht den Philosophen? Der Mut, keine Frage auf dem Herzen zu behalten.« So sieht es Arthur Schopenhauer.

Wie kam es eigentlich dazu, die Kunst des Zweifelns dem frohen Gottvertrauen entgegenzustellen, so dass sich Gläubige ihrer Zweifel schämten und sie wie lästige Fliegen zu vertreiben suchten? Ich sehe im Zweifeln dieselbe Bewegung wie im Glauben. In beiden Fällen geht es mir um meine Suche nach Wahrheit und Leben. Ich stelle mir mein Zweifeln ähnlich vor wie die hartnäckige Trittsicherung beim Bergsteigen. Wer sorgfältig jeden Stein prüft, ob er denn auch halten wird, will vorankommen, nicht abstürzen. Der Zweifler ist ein systematischer Sprücheklopfer. Er klopft jeden frommen Spruch, jedes Dogma, jede Norm so lange ab, bis er sich ganz sicher ist, dass es sich nicht um hohle Phrasen handelt. Er zweifelt, um glauben zu können. Er will nicht gutgläubig sein, sondern gläubig. Dass dabei manches zerbricht, ist klar.

Kein Wunder, dass wir uns oft scheuen, radikal zu zweifeln. Beim Bergsteigen wäre das der Punkt, heimzukehren und die riskante Tour vorsichtshalber abzubrechen. In der Geschichte meines Glaubens kann ich nicht jeden Zweifel ausräumen. Wenn ich nicht verzweifeln will, werde ich gelegentlich einlenken und heimkehren. Es gibt Fragen, die ich trotz Schopenhauer auf dem Herzen behalten muss. Ich bin nicht so tapfer, alles zu riskieren. Ich bin aber auch nicht so feig, jedem Zweifel aus dem Weg zu gehen. Und ich hoffe, dass der Menschensohn eben hier Glauben findet.