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Michl Graff

Hosianna und Kreuzige?

Während er dahinritt, breiteten die Jünger ihre Kleider auf der Straße aus. Als er an die Stelle kam, wo der Weg vom Ölberg hinabführt, begannen alle Jünger freudig und mit lauter Stimme Gott zu loben wegen all der Wundertaten, die sie erlebt hatten. Sie riefen: Gesegnet sei der König, der kommt im Namen des Herrn. Im Himmel Friede und Herrlichkeit in der Höhe! (Lukas 19, 36-38)

Und so hat man uns das beigebracht: Wankelmütig ist der Mensch. Heute »Hosianna«, morgen »Kreuzige«. So sind wir eben. Auf keinen ist Verlass. Aber wo, bitte, steht das denn, dass es dieselben Leute waren? Ich kann mir das schlecht vorstellen. Ich sehe Juden durch die Straßen ziehen, die mit ganz großen Augen Jesus erwarten und begeistert sind. Ich sehe Juden, die lange genug unter der römischen Ausbeutung gestöhnt hatten. Ich sehe einige darunter mit Schwert und Pflasterstein; ich sehe aber viele Frauen und sogar Kinder, wie sie rennen und Parolen schreien. Ich sehe einige Judensterne und rosa Winkel. Ich sehe arabische Gesichter, Türkenbärtchen, Vietnamesen. Männer, die von der Nachtschicht heimkommen. Frauen mit knappen Röckchen und kessen Lederstiefeln, auch sie auf dem Heimweg von der Nachtschicht, müde und abgegriffen. Die Besatzer hatten hoffentlich ihren Spaß. Sie alle sehe ich und höre sie rufen: Hosianna! Und keinen sehe ich tags darauf im Gerichtshaus sitzen, keiner von ihnen hat eine Platzkarte bekommen, um beim Schauprozess Zeuge zu sein.

Aber ich sehe auch die, die während der Demo durch die heruntergelassenen Rollos gespickt hatten, die Kollaborateure und Denunzianten, die es mit den Römern gut konnten. Ja, auch solche gab es. Sie hatten Jesus lange schon auf dem Gewissen. Und die Hohenpriester werden inteligent genug gewesen sein, sich die richtige öffentliche Meinung zu bilden, das »gesunde Volksempfinden«.