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Michl Graff
Jesus

Nun halt doch mal endlich schön brav still, wir wollen dich betrachten, eine Aufnahme machen fürs Familienalbum, dich festhalten, fixieren. Jetzt sei doch nicht so unruhig, - siehst du, jetzt ist alles verwackelt, man wird dich später nur noch ganz unscharf erkennen, das hast du davon, Jesus!

Das Lukasevangelium überliefert ein Jesuswort, eines jener Worte, mit denen die Fachleute nicht viel anzufangen wussten: „Doch heute und morgen und übermorgen muss ich wandern.“ Das ist der widerspenstige, unartige Jesus, der sich uns entzieht, jedes Bild verwackelt, nicht ruhig auf dem Stuhl sitzen mag, der unterwegs ist zu Kranken und Sündern und zu wem nicht sonst noch alles. An ihn glauben wird immer heißen, ihm nachfolgen. Betrachtung schenkt bestenfalls Momentaufnahmen, dann ist er schon weiter. Er ist der Weg (Johannes 14,6). Von ihm reden heißt, von seinem Kommen und Gehen erzählen, ihm entgegengehen, ihn dann doch zu verfehlen, ein ander Mal überrascht werden, wie der Totgeglaubte durch verrammelte Türen eindringt, heimlich erwartet, und einfach lebt. Weg ist er, Wahrheit und Leben. Die drei abstrakten Worte gehören in eins gelesen, bedingen sich gegenseitig, das wäre ein eigenes dickes Buch. Jesus, der Weg, ist sonderbarerweise auch der, der selbst den Weg geht, der voranschreitet, was heißt da: schreitet, der sich schleppt unter dem Kreuz, kriecht, stöhnt, zuletzt irgendeinen Simon von Cyrene gut gebrauchen kann, von dessen Taufe übrigens nie berichtet wird. Nachfolge als Zupacken ohne weitere Ambitionen, auch das gehört zum Weg Jesu.

Komm, Jesus, komm, singen die Christen nicht nur im Advent, singen nicht nur die Frommen, auch die im Dunkeln sind, die Entfernten, Verlorenen oder die Verlierer. Komm, du fehlst in dieser Welt. Pharisäer gibt’s, gemeine Schufte, Lahme, Blinde, Juden und Heiden, Römer: Komm, Jesus! Menschen auf dem Bahnhof fallen mir ein, die einen vor der Tafel „ANKUNFT“, die anderen vor „ABFAHRT“. Menschen im Advent: die einen ziehen aus, den Erlöser zu suchen und zu finden, ihm selbst entgegenzueilen, die andern erwarten ihn daheim, sind schwerfälliger geworden, langsam, bedächtig, vielleicht auch verhockt. Advent wird beiden gut tun, Begegnung mit dem, der das Heil bringt und unterwegs ist. Komm! Werd Mensch in unserer Mitte, zeig uns, wie das geht, Menschwerden! Komm, Jude aus Nazareth, komm, Meister, lehre uns beten wie damals, tu unsere Augen auf, lass die Kinder zu dir kommen… - KOMM!