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Michl Graff
Lauter, bitte!

Vernimm, o Herr, mein lautes Rufen; sei mir gnädig, und erhöre mich! Mein Herz denkt an dein Wort: »Sucht mein Angesicht!« Dein Angesicht, Herr, will ich suchen. Verbirg nicht dein Gesicht vor mir! Psalm 27,7-9

Ich kenne einen, der hat eine laute Stimme. Noch wenn er flüstert, drehen sich alle um. Manchmal ist mir das peinlich, weil der gute Mensch in U-Bahn und Lokal alles lautstark wiederholt, was ich ihm unter vier Augen sagen wollte. Vor seiner dröhnenden Diskretion wäre kein Beichtstuhl sicher, aber irgendwie kann ich ihm nicht böse sein. Sein lärmendes Wesen hat etwas Österliches.

Leise Töne gelten als vornehm. Leisetreterei auch? Unser Lautstärkepegel reicht von der Disko bis zur Meditation. Lärm kann krankmachen, aber totale Stille ist auch nicht gut. Der Urknaller Gott hat uns stimmgewaltig erschaffen. Wir müssen nicht immer voll aufdrehen, aber wenn wir es tun, ist es nicht gegen die Frömmigkeit. Lautstarke rhythmische Jugendgottesdienste beispielsweise – ach, wo gibt es sie überhaupt noch? – sind eine der vielen Ausdrucksformen unserer Religion.

Ob wir zu laut sind? Christen, zu laut in der Welt? Gemeinde, zu laut in der Liturgie? Prediger, zu laut im Klartext? Manchmal wollte ich uns alle erst einmal richtig aufdrehen. Manchmal wollte ich hören, wie weit das überhaupt geht mit unseren Verlautbarungen. Manchmal wollte ich lärmen in all der klebrigen Stille. Doch dann bringe ich keinen Laut hervor. Ich glaube, es liegt an der Akustik der liberalen Welt, die alles schluckt. Gott, sei hart zu mir, sei Echo, vervielfache meinen heiseren Schrei. Halleluja.