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Michl Graff
Ordnung

Wer sie hält, ist zum Suchen zu faul. Aber das Leben ist von Natur aus unordentlich. Solange unser Glaube lebt, ist er unaufgeräumt, ordnungsbedürftig. Wie unsere Kirche, wie mein Schreibtisch. Nur wenn ich mal einige Wochen außer Haus bin, bleibt alles hübsch ordentlich an seiner Stelle. Oder etwas schärfer und makaber ausgedrückt: wenn wir mal tot sind, bringen wir garantiert nichts mehr in Unordnung. Auf dem Friedhof, zumindest dort, herrscht Ruhe und Ordnung. Am besten aufgeräumt ist eine tote Kirche. Sie wäre nach Art des Museum zu verwalten. Berühren der Vitrinen verboten!

Leben bedeutet immer: Unordnung machen. Und weil wir Chaos nicht lange ertragen: Ordnung machen. Beides ist ein Zeichen des Lebens. Ein lebendiger Glaube ist ständig dabei, die verursachte Unordnung der Gedanken zu sortieren, die Abfälle zu beseitigen, immer neue Systeme zu erfinden und überrascht festzustellen, dass nichts ewig ordentlich bleibt. Das merkt jeder mit 10 Gramm Fantasie und Erfahrung.

Wenn ich allein lebe, ist es relativ einfach, den Ein-Mann-Haushalt in Ordnung zu bringen. Ich selbst bin der Systemgeber; ich selbst kontrolliere die Rechtmäßigkeit. Sobald du aber in Familie oder Hausgemeinschaft lebst und noch dazu Freude hast an Gastfreundschaft und Umtrieb, entsteht eine beeindruckende Welt der Unordnung. Das ist gar nicht schlimm, denn jeder Mitbewohner, jeder Gast hinterlässt eben Spuren seines Lebens. Flecken, zerbrochene Kaffeetassen, aber auch Erinnerungen, Gedanken, Bilder, Atmosphäre. Genauso geht es unserer Religion. Eine Privatreligion, eine individuelle Weltanschauung könnte man ziemlich einfach auf einen Nenner bringen. Und wenn man zu Lebzeiten erstarrt, bliebe alles bis zum letzten Atmen schön brav erhalten. Manche stellen sich so die ideale Kirche vor. Nur ja nichts verrücken, nur ja nichts beschmutzen und verkehrt einräumen. Ordnung ist das halbe Leben. Eben.

Unsere Kirche ist spätestens seit der Erfindung ökumenischer Gastfreundschaft nicht mehr ganz so leicht zu ordnen wie früher. Nachdem Lateinamerikaner und Asiaten mitreden und der Papst nicht mehr zwangsläufig ein Italiener ist, kann man kaum mehr von einem geschlossenen System sprechen. Der Pluralismus bringt manches durcheinander, und viele Zeitgenossen halten das für begrüßenswert. Der Preis der Gastfreundschaft und Offenheit ist eben ein gewisses Maß an Unordnung und Umtrieb. Man könnte auch sagen: ein beträchtliches Maß an Lebendigkeit. Kein Wunder, wenn man dann ständig am Aufräumen und Ordnen ist. Neue und ungewohnte Erfahrungen, etwa im Bereich konfessionsverschiedener Ehen oder geistlicher Import aus den östlichen Religionen, neue Gedanken und Fragen müssen irgendwie verstaut und menschlich verdaut werden. Ob daraus jemals noch ein geniales System wird, wissen wir noch nicht. Aber jeder spürt, dass auch die Kirche nicht mehr ein starrer Fels in der Landschaft des Glaubens ist, und zwar der Leib des Lebendigen, nicht der Leichnam einer toten Geschichte.

Ordnung wünschen und schaffen ist nicht schlimm oder gar lebensfeindlich. Im Gegenteil. Wer sich um Ordnung müht, gerade auch um die Ordnung der religiösen Überzeugungen in eine glaubhafte Dogmatik hinein, der will ja dem Leben zu einer menschlichen Gestalt verhelfen. Er versucht, den unordentlichen Gang der Dinge, die Natur, zu kultivieren. Deshalb haben sich die Menschen immer wieder Gott als den Garant der Ordnung vorgestellt. Die Bibel selbst beginnt mit dem ordnenden Eingriff Gottes, der das Chaos in eine Heilsgeschichte hinein strukturiert.

Der Geist des Herrn ist zwar in der Sicht des Evangeliums Freiheit, aber zugleich eine ordnende Kraft. Im Mittelalter gab’s gewiss nicht weniger Unordnung und Durcheinander als heutzutage; aber man traute dem Glauben immerhin zu, inmitten von Pest und Krieg, Ordnung zu schaffen. Wenn wir heute sagen, dieses Weltbild sei überholt, weil Gott nicht mehr oben über dem Sternenzelt throne, dann haben wir leider nur arg oberflächlich geurteilt. Das Vertrauen in eine göttliche Ordnung inmitten der erfahrenen Chaotik ist groß und wäre auch für uns ein Segen.