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Michl Graff
Tanzkurs Gottvertrauen

Bevor die Füße einschlafen: Aufforderung zum Tanz. Falls die Glaubenskunst nur in angemessener Haltung besteht, wird sie zum Fossil, zur bemerkenswerten Plastik.

Ständig gerät die Grundhaltung in Gefahr. Besentanz, Eiertanz? Die ersten Schritte sind komisch. Vor Jahren erlebte ich als Mitbetroffener den sonderlichen Gang der Bandscheibenoperierten. Ich kenne ernsthaft religiöse Leute, die kommen daher , als hätten sie ihren Glaubenssatz wie einen Stock verschluckt. Sie haben Prinzipien im Rückgrat. Es fällt schwer, sich fortzubewegen. Bei jedem Schritt klappert die Haltung, raschelt die Bibel, klirren Dogmen. All das nicht ohne Würde, aber furchtbar umständlich.

Was mich betrifft, bin ich kein sehr anmutiger Tänzer. Wir Siedler schauen eher neidisch auf die Nichtsesshaften, Nomaden, Zigeuner, das fahrende Volk. Neidisch und verständnislos. Und doch besteht darin das ganze Problem: aus der richtigen Haltung in Bewegung geraten. Sich auf den Weg machen.

Schwierige Passagen übt man am besten sehr langsam, bedächtig. Erweckungserlebnisse im Hauruckverfahren täuschen etwas vor, was die Wirklichkeit nicht kennt. Mutationen sind die Ausnahme. Wer sie programmiert, verdirbt den Menschen. Ich stelle mir den Heiligen Geist langsam vor.

So beginnen wir. Schweigsam, da wir um den weiten Weg wissen. Gesungen wird erst später, gesungen und getanzt. Mein Anfangsglaube spuckt noch keine großen Töne. Unterwegs überholen wir die, die es eiligen haben. Die Vorzeichen nehmen wir ernst. Sie bestimmen den Rhythmus, das Tempo. Auch das intelligente Schneckentempo der Volkskirche (Haus im Rücken, vorsichtshalber. Kein Solo, sondern die Formation).

Und immer neue Runden, Rundgesang, Kehrvers, das Kirchenjahr. Gemächlicher Prozessionsmarsch. Dann wieder fetzig, Trommelwirbel, Schlagzeuger heizen uns ein. Die Jungen und die Alten, Juden und Griechen.

Bevor die Füße einschlafen: Aufforderung zum Tanz. Nimm dein Bett und geh.