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Michl Graff
Wenn ich du wäre?

Du hast gut reden, sagt die Stimme am Telefon, was weißt du schon von meinen Problemen? Und das Gespräch ist beendet. Wie kommt es, dass wir einander so gern Ratschläge geben? Und welcher Teufel reitet uns, bedenkenlos vom Selbsterlebten auf andere zu schließen? Höhepunkt der gutgemeinten Unverfrorenheit: Wenn ich du wäre...

Nie bin ich du. Nie bist du ich. Immer sind es nur Annäherungsversuche, mal schüchtern, mal dreist, mal flüchtig, mal zupackend. Es ist viel, wenn wir einander aushalten und stützen, wenn wir einander über den Weg trauen. Warum der eine heiter und scheinbar mühelos die Jahre meistert, warum der andere sich schwertut mit allem, es bleiben ihr Leben und ihr Geheimnis, nur ihnen selbst mitunter offenbar, meist dunkel.

Wenn ich du wäre, würde ich mal ein paar Tage Luft schnappen, Altötting oder Davos, höre ich mich froh-gelaunt zu Hiob sagen. Hiob mag das nicht. Mit ihm ist nicht gut Kirschen essen. Er reagiert abweisend und missvergnügt. Dabei sind wir uns ganz sicher, dass er jetzt Tapetenwechsel braucht. Mit seiner Laune wird alles nur noch schlimmer. Hiob, was helfen uns die schweren Sorgen, was hilft uns unser Weh und Ach? Hiob, lach doch mal. Beleidigte Leberwurst!

Schluss jetzt, kommt es grimmig zurück, ich kann eure Sprüche nicht mehr hören, Altötting, Davos, der liebe Gott, die Engelein, ein Witzchen, und was ändert sich an meiner Lage, wer übernimmt meine Schulden bei der Raiffeisenkasse, wer zaubert mir meine Claudia wieder her, wer bringt den gelähmten Fuß in Gang? Wie, das sind keine Katastrophen, sagt ihr? Ich kann ja jeden Tag aufstehen?

Und plötzlich werde ich still und begreife, dass mein fröhliches Gottvertrauen manchmal am besten den Mund hält und den Kummer der Gekränkten und Leidenden schweigend aushält. Ohne Kommentar. Aber treu. Mitunter besteht das Evangelium nur darin, dem Weinenden einen Kaffee zu kochen.