Zur gott.net Wochenausgabe
zur gott.net Übersicht

Zweifel

Was macht den Philosophen? Der Mut, keine Frage auf dem Herzen zu behalten. So sieht es Arthur Schopenhauer.

Wie kam es eigentlich dazu, die Kunst des Zweifelns dem frohen Gottvertrauen entgegenzustellen, so dass sich Gläubige ihrer Zweifel schämten und sie wie lästige Fliegen zu vertreiben suchten? Ich sehe im Zweifeln dieselbe Bewegung wie im Glauben. In beiden Fällen geht es mir um meine Suche nach Wahrheit und Leben. Ich stelle mir mein Zweifeln ähnlich vor wie die hartnäckige Trittsicherung beim Bergsteigen. Wer sorgfältig jeden Stein prüft, ob er denn auch halten wird, will vorankommen, nicht abstürzen. Der Zweifler ist ein systematischer Sprücheklopfer. Er klopft jeden frommen Spruch, jedes Dogma, jede Norm so lange ab, bis er sich ganz sicher ist, dass es sich nicht um hohle Phrasen handelt. Er zweifelt, um glauben zu können. Er will nicht gutgläubig sein, sondern gläubig. Dass dabei manches zerbricht, ist klar. Kein Wunder, dass wir uns oft scheuen, radikal zu zweifeln. Beim Bergsteigen wäre das der Punkt, heimzukehren und die riskante Tour vorsichtshalber abzubrechen. In der Geschichte meines Glaubens kann ich nicht jeden Zweifel ausräumen. Wenn ich nicht verzweifeln will, werde ich gelegentlich einlenken und heimkehren. Es gibt Fragen, die ich trotz Schopenhauer auf dem Herzen behalten muss. Ich bin nicht so tapfer, alles zu riskieren. Ich bin aber auch nicht so feig, jedem Zweifel aus dem Weg zu gehen.

Manche Prediger rufen an dieser Stelle zum blinden Sprung des Vertrauens. Wenn ich glaube, dass Gott mich auf jeden Fall hält, ist der Sprung legitim. Doch das gerade ist ja die Not des Zweiflers, dass er unsicher ist und besorgt. In solchen Augenblicken ist die Aufforderung zum blinden Sprung eine gefährliche und lieblose Verkennung der Lage. Wer sich selig fallen lässt, hat seine Zweifel überwunden. Solange wir zweifeln, ist es vernünftig, den wilden Sprung anderen zu überlassen. Mein Zögern hat seine eigene Würde. Dankbar lese ich, wie behutsam Jesus dem zweifelnden Thomas entgegenkommt.

Michl Graff