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Im Post-Archiv finden Sie alle Briefe, die bisher von drüben bei uns ankamen.

Eine Revolution durch Kerzen únd Gebete

Dorothee Sölle schreibt zum 8. Sonntag nach Trinitatis

Eine Rarität, ein Brief in zittriger Sütterlin, geht reihum, amüsiert und berührt zugleich. Kann das jemand lesen? Was für eine schöne altmodische Schrift. Von einer Uromi für ihren Jüngsten. Sie lebt in Leipzig. Ich werde dir antworten. Ich, Dorothee Sölle, nach eurer Zeitrechnung 1929-2003. Aber zuerst lese ich lange deinen wunderbaren Brief...

„Ich bin viel zu alt geworden, lieber Himmel, aber nun sorge ich mich sehr um Henri. Er ist gerade mal 14 und entwickelt sich zum Schläger. Wir machen wieder Randale, Omi, und ich bin dabei. Geil. Weil ich immer noch diese Aufnäher auf meinem Anorak trage, hält mich Henri für eine echte Krawallschachtel, und für die einzige in der Familie, die ihn versteht. Neben meinem Anti-Atom-Aufnäher findet er den gegen Stuttgart 21 besonders gut. Da will er hin, sagt er, wenn es im Herbst heiß wird. Von Rostock gibt es einen Bus nach Stuttgart. Wir sind mindestens fünf starke Typen. Ja, ich mache mir große Sorgen. Meinen wichtigsten Aufnäher hat er nicht recht verstanden: „Schwerter zu Pflugscharen“. Wir wollten Frieden schaffen ohne Waffen, sagte ich ihm. Wir wollten Freiheit, aber keine Gewalt. Henri hört mir nicht richtig zu. Du warst doch auch auf Demos, sagt er. Ja, sage ich, aber es war mit Kerzen und Gebet. Ich erzähle ihm von den Montagsgebeten in der Nikolaikirche. Heute steht da der Osterlichtbaum für 40 Kerzen. "Gesprengte Fesseln“ heißt er. Seine zerrissenen Eisenklammern sagen, dass hier in dieser Kirche die Fesseln der Angst, ja die Fesseln einer ganzen Weltanschauungsdiktatur gesprengt werden konnten, ohne Gewalt und Blutvergießen!

Gestern schaute ich mir die alten Fotos an. Die vom Mauerbau. Gestern war der Gedenktag. Ich war damals 44 und mir gingen plötzlich die Augen auf. Erst nach der Mauer wurde ich Kirchgängerin. Das war mein Protest. Unsere Familie war nicht besonders fromm. Wir hatten übrigens Verwandte im Westen. Vom Onkel Karl-Heinz kamen Weihnachtspäckchen. Kaffee, Kölnisch Wasser, Damenstrumpfhosen, West-Zigaretten, Kekse, Schokolade, Gurke, Seife, Spielzeug, Blumensamen, Zeitschriften mit bunten Bildern und Bücher von Konsalik. Wenn er im Himmel ist, sagt ihm einen Gruß. Ich komme bald nach. Aber ich habe noch zu tun. Auf Henri aufpassen. Für Henri beten.

Gern erinnere ich mich an den Kirchentag in Hannover: Umkehr zum Leben. Wir trugen lila Tücher. Ich habe es noch und lege es am Sonntag im Gottesdienst um. Man kennt mich. Vorne ganz links, wegen meinem Ohr, damit ich was von der Predigt höre. Unsere Pastorin wird mir zulächeln, wenn sie vorliest aus Jesaja 2:
 
Am Ende der Tage wird es geschehen: Der Berg mit dem Haus des Herrn steht fest gegründet als höchster der Berge; er überragt alle Hügel. Zu ihm strömen alle Völker. Viele Nationen machen sich auf den Weg. Sie sagen: Kommt, wir ziehen hinauf zum Berg des Herrn und zum Haus des Gottes Jakobs. Er zeige uns seine Wege, auf seinen Pfaden wollen wir gehen. Denn von Zion kommt die Weisung des Herrn, aus Jerusalem sein Wort.  Er spricht Recht im Streit der Völker, er weist viele Nationen zurecht. Dann schmieden sie Pflugscharen aus ihren Schwertern und Winzermesser aus ihren Lanzen. Man zieht nicht mehr das Schwert, Volk gegen Volk, und übt nicht mehr für den Krieg. Ihr vom Haus Jakob, kommt, wir wollen unsere Wege gehen im Licht des Herrn..."

Du unterschreibst mit "eine Uromi". Also, liebe Uromi, so darf ich dich nennen. In Hannover bist du mir zum ersten Mal aufgefallen. Nach menschlichem Ermessen war ich da schon zwei Jahre tot. Euer Gerede. Aber wir bleiben euch treu. Nicht nur mit Himmelsbriefen. Ich habe dich beim Politischen Nachtgebet gesehen. Euer Thema war: "Unbedingtes Nein zur Folter". Kirchentage stehen in meinem immerwährenden Kalender. Und alle Friedensgebete. Gestern sah ich dich und deine Tränen. Du warst dankbar für deine Bekehrung, als die Mauer gebaut wurde. In deinem Alter sind die Jahre, die Tage gezählt. Du wirst deinen Henri ein Leben lang begleiten können. Sein Leben lang. Gottes Leben lang. Ewig also. Vergiss das nie.

Ich schreibe dir, weil für mich Politik und Gebet immer zusammen gehörten. Ich war eine Wessi, wie ihr das nennt, und bekannt und berüchtigt. Dein Henri hätte mich vermutlich auch als ideale Krawallschachtel geliebt, verstanden und missverstanden. Mit Gott zu leben hieß für mich: für eine gerechtere Welt kämpfen, für die Hoffnung auf Gerechtigkeit, gegen Unterdrückung, gegen Hunger, Armut, Gewalt und Kriege. Ich begeisterte gerade junge Gläubige, die aktiv für die Friedensbewegung und für die Befreiung der Dritten Welt auf die Straße gingen. Dir und deinem Urenkel wünsche ich den Segen, Frieden und Heil, wie dein alter Aufnäher verspricht: „Schwerter zu Pflugscharen“.  Also Mauern mit offenen Türen. Menschen mit offenen Herzen. Und jedem Urenkel eine Uromi von deinem Schlag!

Und in deiner begreiflichen Angst um Henri: Schau, wie Jesus Mut macht. "In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden." Joh 16, 33)

Bis bald, deine Brieffreundin und Genossin Dorothee

PS
Ich lege dir noch drei meiner Texte bei.

 

woran sollen wir einen engel erkennen
außer dass er und sie mut macht wo angst war
freude wo nicht mal mehr trauer wuchs
einspruch wo sachzwang herrschte
abrüstung wo terror glaubwürdig drohte
fürchte dich nicht der widerstand wächst

Hör nicht auf mich zu träumen gott
ich will nicht aufhören mich zu erinnern
dass ich dein baum bin
gepflanzt an den wasserbächen
des lebens

Komm, du Hoffnung der Armen
du Richter der Mächtigen
du Rettung im Schiffbruch unseres Planeten
Führ uns aus dem Gefängnis
Atem des Lebens, weh uns an
Wasser des Lebens, lass uns von dir trinken
Lass uns deine Wohnung werden
und erneuere das Angesicht der Erde