Zur gott.net Wochenausgabe
zur gott.net Übersicht

»Post-Archiv

Im Post-Archiv finden Sie alle Briefe, die bisher von drüben bei uns ankamen.

Hans Werner Henze

 

 

Hans Werner Henzes Himmelsbrief zum
31. Sonntag im Jahreskreis (4. November 2012)

Werte Frau von Flotow-Berger,

Sie waren just in Dresden, als ich starb. Haben Sie lieben Dank für die Kerze in der Hofkirche. Und Danke auch für Ihre sympathischen Gebete. Vermutlich sind wir Musiker uns immer nahe, hüben und drüben, wie es heißt.

Gewiss sind Sie nicht in erster Linie wegen der Oper ins Elbflorenz gereist, sondern wegen der Orgel. Ab und zu - wie die Ersparnisse es erlauben - sind Sie auf Reisen. Auf Orgelreisen. Daheim in Ihrer Dorfkirche spielen Sie natürlich nicht auf einer Silbermannorgel, aber Sie spielen. Und nicht nur zur Liedbegleitung. Nicht nur "liederlich", wie in Ihren Kreisen manchmal gespöttelt wird. Aber auch nicht über den Geschmack bzw. die Köpfe Ihrer Gemeinde hinweg. "Wenn niemand mitsingt, ist es traurig und einsam auf meiner Empore."

Nicht in erster Linie wegen der Oper... - aber vielleicht in zweiter? Einmal im Jahr gönnen Sie sich etwas Besonderes. Und wirklich etwas sehr Besonderes stand am letzten Samstag auf dem Spielplan. "Bella Figura". Zeitgenössisches Ballett. Traumreisen. Neben besinnlicher Barockmusik (Vivaldi) gab es auch mein Stück mit dem rätselhaften Titel "Das Vokaltuch der Kammersängerin Rosa Silber: Exercise mit Strawinsky über ein Bild von Paul Klee. Handlungsloses Ballett."

Sie waren neugierig und hatten sich lange auf den Abend gefreut. Neugierde ist schön. Sie hält uns lebendig. Von mir kannten Sie bis dahin eigentlich nur den Namen. Den Namen und ein anrührendes Buch: meinen Briefwechsel mit Ingeborg Bachmann. "Briefe und Tageücher lese ich besonders gern, vor allem wenn sie traurig sind..." Kafka zum Beispiel. Ja, gnädige Frau - so hübsch sagte man doch einst - , es waren Briefe, die Ihr Interesse weckten. Und natürlich Ihre Liebe zur Oper, zu Theater und Ballett. Also ist es nicht ganz unpassend, Ihnen diesen kleinen Brief zu widmen.

Übrigens freue ich mich, wie gut Sie und Ihr neuer Pfarrer zusammenspielen. Früher sei das schwierig gewesen. Der Vorgänger war unmusikalisch - was verzeihlich wäre - und stur. Vorspiel, Zwischenspiel, Nachspiel? Hauptsache kurz. Lieder? Immer nur zwei Strophen. Wie passend, dachten Sie, von einem Messopfer zu sprechen. Aber Sie hielten durch, und das ehrt Sie. Umso schöner jetzt. Der junge Mann lässt sich von Ihnen sogar zur Choreographie im Altarraum etwas sagen. Wunderbar. Eine Ausnahme, gewiss, aber Sie sind ja auch eine. Und ich erst ...

Eines meiner Worte zu meiner großen Freundin Ingeborg hat Sie irritiert und berührt. "Ich lehnte mich an Sie an, ihr Geist half meiner Schwachheit auf". Darf einer die Bibel so umdeuten? Das Zitat war Ihnen wohl bekannt. Paulus im Römerbrief. Und natürlich der Anfang der Motette BWV 226. Wer ist dieser Henze, fragten Sie sich - und lasen weiter. Wie kann es sein, dass ein Mensch mir nichts dir nichts ein heiliges Bibelwort auf seine Lebensgeschichte bezieht. Erstaunlich, nicht wahr?

Wie sagte ich einmal? Musik ist für mich "das Gegenteil von Sünde – sie ist Erlösung, das versprochene Land". Und schön war es für mich, todkrank, schmal geworden, im Rollstuhl sitzend, vor wenigen Wochen in Dresden einen letzten Opernbesuch mitzuerleben: "Wir erreichen den Fluss": meine Antikriegsoper von 1976. Ja, ich habe ihn erreicht, den Fluss, und bin hinüber. Irgendein Journalist fragte mich, woran ich gerade komponiere. "Jetzt muss mal Pause sein." Meine leise Antwort.

Inzwischen sind Sie längst wieder daheim und tun Ihre Pflicht. Allerheiligen, Allerseelen... - und heute schon wieder. Orgelimprovisation zum Tagesevangelium. Markus 12, 28b-34:

Ein Schriftgelehrter fragte Jesus: Welches Gebot ist das erste von allen?
Jesus antwortete: Das erste ist: Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr.
Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben
mit ganzem Herzen und ganzer Seele,
mit all deinen Gedanken und all deiner Kraft.
Als zweites kommt hinzu:
Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.
Kein anderes Gebot ist größer als diese beiden.

Da sagte der Schriftgelehrte zu ihm: Sehr gut, Meister!
Ganz richtig hast du gesagt: Er allein ist der Herr, und es gibt keinen anderen außer ihm,
und ihn mit ganzem Herzen, ganzem Verstand und ganzer Kraft zu lieben
und den Nächsten zu lieben wie sich selbst,
ist weit mehr als alle Brandopfer und anderen Opfer.

Jesus sah, dass er mit Verständnis geantwortet hatte, und sagte zu ihm:
Du bist nicht fern vom Reich Gottes.
Und keiner wagte mehr, Jesus eine Frage zu stellen.

Wissen Sie, was mich an diesem Text besonders anspricht? Dreierlei.

"Höre!" Ja, das ist wirklich das allererste.

Lieben - Gott, den Nächsten - mit ganzem Herzen, ganzer Seele, all meinen Gedanken, all meiner Kraft! Oh, wenn das die Summe unseres Lebens wäre...!

Und drittens: Da ist einer verständig, und also nicht fern von Gott.

In dankbarer Verbundenheit, Ihr Brieffreund im Himmel: Hans Werner

Als Zugabe ein Vers meiner geliebten Ingeborg:

Doch das Lied überm Staub danach
wird uns übersteigen