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Im Post-Archiv finden Sie alle Briefe, die bisher von drüben bei uns ankamen.

Abraham Lincoln

 

 

“Ich kann verstehen, dass ein Mensch zum Atheisten wird, wenn er auf die Erde hinunterschaut.
Aber wie jemand den Blick zum Himmel emporrichten und sagen kann, es gebe keinen Gott, ist mir unbegreiflich.”

Abraham Lincoln

 

 

 

 

 

Abraham Lincolns Himmelsbrief
zum Sonntag Reminiscere (24. Februar 2013)


Guten Morgen, Nachtschwärmer,

deine Fragen sind eingetroffen, pünktlich zum großen Tag in Los Angeles. Aber du interessierst dich ja nicht für Oscars. Dich interessiert, ob es mir ernst war mit meinen vielen Bibelsprüchen. Oder ob ich mich nur mit ihnen schmücken wollte. Und ob Gott für mich ein Amerikaner war. Und ob es o.k. ist, Gott für die eigene Sache einzuspannen.

Dabei hätte es einfach nur ein schöner langer Kinoabend werden sollen, Spielbergs "Lincoln", gestern im guten alten Metropol. Und dann auf ein Bier bei Bärbel. Doch dabei blieb es nicht. Und daran war ich schuld? Eigentlich nicht ich, sondern der Obama? Nein, der eigentlich auch nicht. Es ging euch um Religion und Politik. Es ging um Krieg und Frieden, um Macht und Moral, um Freiheit und Sklaverei, um Menschenrechte und Schleckerfrauen. Ihr kamt vom Hundersten ins Tausendste, und dass euer Frank, euer Quotenchrist, ungefähr zu jedem Thema ein mehr oder weniger passendes Bibelzitat auf den Tisch knallte, machte die Sache nicht einfacher. Kurz und gut, es wurde spät. Sehr spät. Eine Bibelstunde der besonderen Art. Nun brummt dir der Kopf, aber nicht vom Bier. Du bist dir einfach nicht sicher, was du von mir halten sollst.

Falls du es nach dem Espresso noch in die Kirche schaffst, könntest du von meinem Namenspatron hören: von Abraham. Und wenn nicht in der Kirche, dann daheim. Mein Tipp: lies den liturgischen Tagestext zum Sonntag Reminiscere einfach weiter. Schon bist du mitten im Thema. Aus dem Johannesevangelium, 8. Kapitel, sind eigentlich nur die Verse 26b-30 vorgesehen. Aber dann, mein Lieber! Thema Freiheit oder Sklaverei. Aus dem Zusammenhang heraus einige Verse für dich:

Jesus sagte zu den Juden, die zum Glauben an ihn gekommen waren: "Wenn ihr bei dem bleibt, was ich euch gesagt habe, und euer Leben darauf gründet, seid ihr wirklich meine Jünger. Dann werdet ihr die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch frei machen." - "Wir stammen von Abraham ab", antworteten sie, "und wir haben nie jemand als Sklaven gedient..." Jesus: "Wenn ihr wirklich Abrahams Kinder wärt, würdet ihr in seinem Sinne handeln. Alles, was ich getan habe, war, euch die Wahrheit weiterzugeben, wie ich sie von Gott gehört habe. Ihr aber versucht, mich zu töten. So etwas hat Abraham nicht getan..."

Nun lassen wir das bitte mal so stehen, denn dich beschäftigt ja weder die Abschaffung der Sklaverei in den USA noch die Diskussion zwischen Jesus und den Juden. Dich interessiert, ob sich einer wie ich, ein Politiker mit allen Widersprüchen seines Amtes, auf die Bibel berufen darf. Erinnerst du dich an die Amtseinführung des 44. US-Präsidenten, Barack Obama, am 20. Januar 2009? Er leistete seinen Amtseid auf das historische Exemplar der "Lincoln-Bibel". Und am 21. Januar 2013 schwor er zum Antritt seiner zweiten Amtszeit erneut auf "meine" Bibel und auf die von Martin Luther King. Viele Amerikaner schätzen solche Symbole. Und viele Amerikaner schätzen ihre Bibel. Sie deuten ihre eigene Geschichte gern in biblischen Geschichten. Und wenn ich dein Problem richtig verstehe, ist dir eben dies suspekt. Sind Amerikaner denn bessere Menschen? Sind sie ein auserwähltes Volk? Und war ich, Abraham Lincoln, ohne Fehl und Tadel, ohne Schmutz und Schuld? Waren die vielen Bibelsprüche in meinen Reden nicht einfach nur gut kalkuliert?

Schon im Kino kamen dir Zweifel. Dabei ehrt es Steven Spielberg, dass er aus meinem Leben keine Märtyrergeschichte gemacht hat. Ich finde, er hat meine letzten Monate ziemlich gut getroffen. Ich will dir nur eines ans Herz legen: Lies die Bibel, als wäre sie nur für dich geschrieben. Geh einfach davon aus, dass du in den Augen Gottes der wichtigste Mensch auf Erden bist, dass dein heutiger Tag der wichtigste Tag deines Lebens ist, und dass er dich nicht zufällig ins Leben rief, sondern absichtsvoll. Dich, mein Lieber, genau dich. Du bist - erwählt. Wie, das kommt dir übertrieben vor? Bist du nicht einer von Milliarden Menschen, ein winziges Staubkorn, ein lächerliches Nichts - und ein Sünder sowieso? Und kam nicht so viel Leid über die Welt, weil sich manche für auserwählt hielten? So kannst du denken, Freund, aber du hast mich falsch verstanden. Ich lade dich nur ein, die Bibel genauso auf dich zu beziehen wie ich. Immer sind deine vier Wände God's own country.

In eurer nächtlichen Diskussion wusste einer, dass ich nicht einmal getauft war. Und? Meine Stiefmutter war eine fromme Frau. Und? Jeder Weg ist ein Geheimnis. Und jeder Weg hat etwas mit Gottes Willen zu tun. Auch Irrwege? Auch Irrwege. Auch Schuld? Auch Schuld. Das ist das Wunderbare. Ob Politik Gottes Willen entspricht, entscheidet sich alle Tage neu. Ob dein eigenes Handeln Gottes Willen entspricht, entscheidet sich alle Tage neu. Nimm Maß an der Bibel, mein Lieber. Schäme dich, wo du dich schämen musst. Sei dankbar, wo du danken darfst. Nimm Maß an der Bibel.

Nimm Maß an der Bibel, denn du bist in guter Gesellschaft. Martin Luther King erblickte im Exodus und bei den Propheten die Befreiungsgeschichte aller Schwarzen. Unterdrückte Indios können ihre Bibel als Impuls ihrer eigenen Erlösung lesen. Als die Mutigen im polnischen Volk das kommunistische Regime abschüttelten, zogen sie mit Mose ins gelobte Land. Nimm Maß an der Bibel.

Ich las von meinem Namenspatron im Buch Genesis im Kapitel 15: "Gott führte ihn hinaus und sprach: Sieh doch zum Himmel hinauf, und zähl die Sterne, wenn du sie zählen kannst. Und er sprach zu ihm: So zahlreich werden deine Nachkommen sein. Abram glaubte dem Herrn, und der Herr rechnete es ihm als Gerechtigkeit an. Er sprach zu ihm: Ich bin der Herr, der dich aus Ur in Chaldäa herausgeführt hat, um dir dieses Land zu eigen zu geben." Wie sollte ich, Abraham Lincoln, geboren am 12. Februar 1809 in einer winzigen Blockhütte in Kentucky, nicht daran glauben dürfen, dass diese Geschichte weitergeht? Zu meinem Weg als Politiker gehörten Intrigen, Kuhhandel, politisches Schachspiel. Unter meiner Präsidentschaft starben mehr amerikanische Soldaten als unter George W. Bush, Lyndon B. Johnson, Richard Nixon und Franklin D. Roosevelt. Ich beschönige nichts. Und zum Segen meiner Amtszeit kannst du viel nachlesen. Nach meiner Ermordung begann die Verklärung, aber darum geht es nicht. Ich sage nur: Du kannst deinem Leben Sinn verleihen, wenn du an der Bibel Maß nimmst. Nicht weil du so großartig und so heilig bist, sondern weil du wie mein Namensgeber im Buch Genesis zum Himmel hinaufblickst. “Ich kann verstehen, dass ein Mensch zum Atheisten wird, wenn er auf die Erde hinunterschaut, aber wie jemand den Blick zum Himmel emporrichten und sagen kann, es gebe keinen Gott, ist mir unbegreiflich.”

Mehr weiß ich dir nicht zu sagen. Mehr steht heute auch nicht an. An meinem berühmten Denkmal in Washington, dem Lincoln Memorial, hielt Martin Luther King 1963 seine große Rede "I have a dream". Lass mich daraus einige Sätze zitieren.

"We cannot walk alone." Vergiss es nie, mein Freund: wir reisen immer gemeinsam.

"I have a dream today! I have a dream that one day every valley shall be exalted, and every hill and mountain shall be made low, the rough places will be made plain, and the crooked places will be made straight; and the glory of the Lord shall be revealed and all flesh shall see it together." Ja, mein Freund. Träume nicht gestern. Träume nicht erst morgen. Träume heute! Nimm Maß an den Träumen der Bibel. An ihren Träumen und an ihren Verheißungen.

God bless You! Dein himmlischer Brieffreund: Abraham Lincoln